Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Rogate 2007

Text: Matt 6,5-13

5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt.

6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen.

8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.

9 Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel!

Dein Name werde geheiligt.

10 Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

11 Unser tägliches Brot gib uns heute.

12 Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

13 Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

 

Liebe Gemeinde!

 

Während ein Mitarbeiter von der Telekom das Telefon repariert, unterhalten sich im Amtszimmer des Pfarrers drei Geistliche über die richtige Gebetshaltung.

Der erste meint: Das Knien sei beim Gebet die angemessene Haltung. Man reduziert seine Körpergröße und macht sich klein vor Gott. Das drückt Demut aus. Und zugleich wahrt man die aufrechte Körperhaltung – das drückt aus: man bleibt, der man ist. Wir brauchen uns vor Gott nicht zu verstellen – wir können es ohnehin nicht.

Der zweite vertritt eine andere Ansicht. Er sagt, man müsse vor Gott stehen und dabei flehend seine  Hände zu Gott erheben. Zu bestimmten Anlässen wie z.B. bei Konfirmationen oder Hochzeiten steht ja auch die Gemeinde beim Einzug auf. Damit bringt man eine Wertschätzung zum Ausdruck. Aus Respekt erhebt man sich und nimmt eine stehende Körperhaltung ein. Darum stehen wir auch im Gottesdienst auf, wenn Gottes Wort kommt. Ja und wenn man seine Hände  flehend zu Gott erhebt, sagt man per Körpersprache, dass man Sehnsucht nach Gott hat und von Ihm etwas empfangen will.

Der dritte Pfarrer ist wieder ganz anderer Meinung. Für ihn ist die richtige Gebetshaltung, flach auf dem Boden ausgestreckt vor Gott zu liegen. Manchmal sieht man das, wenn in der katholischen Kirche junge Priester geweiht werden. Da liegen sie der Länge nach ausgestreckt auf dem Fußboden vor dem Bischof. Der Pfarrer begründet seine Ansicht sogar mit der Bibel. In Dan. 9,18 steht: „Wir liegen vor dir mit unserm Gebet und vertrauen nicht auf unsre Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.“

Da mischt sich der Mann von der Telekom ins Gespräch ein und sagt: „Also ich habe am besten gebetet, als ich einmal bei der Reparatur einer Freileitung abrutschte und mit dem Kopf nach unten an einem Telefonmast hing.“

 

Wir feiern heute den Sonntag Rogate. Thematisch geht es dabei  um das Gebet. Es ist wohl besser, dass man einfach losbetet, um dabei seine Erfahrungen zu sammeln. Indem man betet, lernt man am besten viel von dem Geheimnis des Gebetes kennen – vielmehr jedenfalls, als man in langen Vorträgen über das Gebet erfahren kann. Aber andererseits sollte man doch einige wenige Dinge über das Gebet wissen. Die Jünger sind ja auch zu Jesus gekommen und haben ihn darum gebeten und gesagt: „Herr, lehre uns beten.“ (Luk 11,1)

Das Gebet hat Gefahren und Chancen. Da wo die Gefahren lauern – sind zugleich die Chancen zu suchen. Davon möchte ich heute reden. Zwei Gefahren und damit verbunden auch zwei Chancen spricht Jesus an: 1. die Heuchelei und 2. das Plappern.

 

Das Wort „heucheln“ kommt wahrscheinlich von dem mittelhochdeutschen Wort „huchen“: kauern (in die Hocke gehen) – also sich ducken oder klein machen. Damit ist jedoch nicht wie beim Knien eine  demütige Geste gemeint.  Heucheln meint sich klein machen im Sinne von sich verstellen – den anderen täuschen.

In diesem Sinne gebraucht auch Jesus dieses Wort. Der upοkritήz (hypokritäs) war in der Antike der Schauspieler – also einer, der den anderen ein Theaterstück vorspielte. Ein  upοkritήz (hypokritäs)  war einer, der mit einer Maske kommt und eine andere Person spielt. Ein upοkritήz (hypokritäs) ist einer, der bewusst sich selbst verdeckt und verstellt.

Jesus bezieht das auf das Gebet. So sollen wir nicht beten – als  solche, die im Gebet den anderen etwas vorspielen. Im Gebet geht es nicht um die Kommunikation mit oder vor Menschen – sondern um die Kommunikation mit Gott! Im Gebet darf man sich nicht selbst vor Menschen darstellen und zur Schau stellen wollen. Und im Gebet darf man sich nicht verstellen. Es geht schlicht und einfach um die Ehrlichkeit vor Gott. So wie ich bin, darf ich zu Gott kommen. Was in meinem Herzen ist, darf ich vor Gott ausschütten.

Jesus sagt: Wer beim Beten heuchelt, d.h. den anderen Menschen dabei etwas vorspielt, der hat seinen Lohn dahin. Er hat nichts davon. Er tut etwas Sinnloses. Er vergeudet die Zeit. Es ist so, wie wenn einer beim Telefonieren den Hörer abnimmt und dabei viele Worte in das Mikrofon spricht, ohne zu merken, dass er keine Verbindung hat. Er spricht zum Nichts – oder höchstens zu sich selbst.

Statt dessen, so sagt Jesus – und nun kommt die Chance: „Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“

Damals bestand ein jüdisches Haus nur aus einem großen Raum. Die Tür lag meistens in Richtung Süden. Und nach Norden war eine kleine Kammer angebaut, die verschließbar war, weil sich dort die Vorräte befanden. Die Vorratskammer war kühl, abschließbar und dunkel. „Dorthin geh, wenn du betest“ – sagt Jesus. Was will Jesus mit dieser eigenartigen Ortsangabe zum Ausdruck bringen?

Wir leben in einer anderen Zeit und unter ganz anderen klimatischen Bedingungen. Heutzutage steht in jedem Haus ein Kühlschrank, um die Lebensmittel frisch zu halten. Einen kühlen Raum im Norden haben wir hierzulande in den Häusern nie gehabt. Unsere Vorratsräume lagen meist unter dem Haus – im Keller. Heute hat der Kühlschrank den Keller abgelöst. Wollte man die Anweisung Jesu: „Geh in das Kämmerlein!“  für unsere Zeit verständlich machen, könnte man nicht so aktualisieren und sagen: „Krieche zum Gebet in den Kühlschrank.“  

Um aber das, was Jesus meint verständlich zu machen, könnte man aber sagen:  „Geh dorthin, wo du einen kühlen Kopf haben kannst und wo dir bewusst wird, was Gott will.“ In der Hitze der Wortgefechte ist meistens keine große Konzentration möglich. Geh in die Stille! Suche in der Einsamkeit die Zweisamkeit mit Gott.

Oder: „Geh in das Kämmerlein!“ – das könnte für uns heute z.B. heißen: „Bete dort, wo es nach Leben riecht.“ Die Vorratskammer war kein sakraler Raum – es roch dort vielleicht nach Knoblauch, Käse und Speck. Der Ort hatte es irgendwie mit dem Leben zu tun. Dorthin geh, wenn du betest, wo sich das Leben abspielt – vielleicht mitten im tristen grauen Alltag. Beten ist nichts Philosophisches oder eine Art literarischer Vortrag. Im Gebet sollen unser Leben und unsere Alltagserfahrungen vor Gott zur Sprache kommen. Bete das Leben - Dein Leben  - das Leben der anderen durch! Beim Zeitungslesen z.B. erfahren wir ganz viele Gebetsanliegen.

„Geh in das Kämmerlein“ – das könnte für uns heute auch heißen: Geh dorthin, wo es dunkel ist – d.h. wo du nicht gesehen wirst und wo du abschließen kannst. Gott sieht auch dahin, wo Menschen nicht hinsehen können oder wollen. Es muss doch nicht alles an die Öffentlichkeit! Unseren Einsatz für die Menschen, für das Leben – muss man doch nicht publizieren. Es genügt, wenn unser Gebet vor Gott laut wird. Wir brauchen in unserem Leben solche Orte, wo wir uns „von der Welt“ zurückziehen können – wo „die Welt“ nicht hindarf – wo wir aber für die Welt einen wichtigen Dienst tun!  

Wenn ich früh am Morgen anfange zu beten, dann ist „die Welt“ schon da. Da kreisen mir die Dinge durch den Kopf, die ich nicht lösen konnte. Da schaue ich in den Terminplaner und sehe eine Menge Verpflichtungen auf mich zu kommen. Gelingt es uns, diese Dinge einmal draußen zu lassen und eine Verbindung zu Gott herzustellen, dann bekommen die Termine einen anderen Stellenwert und ich kann „der Welt“ ganz anders entgegentreten und für diese Dinge beten und für sie vor Gott einstehen. Wir brauchen den Abstand von der Welt, wenn wir Zugang zu Gott suchen.

Beim Beten geht es um die Kommunikation mit Gott  - um eine Beziehung mit Gott, die sich ausdrückt. Wir werden genau das erleben, was Jesus sagt. Der Vater ist da. Er sieht in das Verborgene und wird es uns vergelten. Er wird an uns und für uns handeln.

 

Jesus spricht von einer zweiten Gefahr des Betens: Das Plappern wie die Heiden. Was meint Jesus damit?

Das Wort βατταλογέω (batalogeo)  übersetzt Luther mit plappern. Wörtlich übersetzt heißt es: die dornigen, stechenden Zweige des Battastrauches zusammenlesen. Im übertragenen Sinne meint dieses Wort: sich für nichts quälen, sich vergeblich abarbeiten. Mit plappern meinen wir gedankenloses Reden.

Ist es nicht so? Oft beten wir das, was wir immer schon gebetet haben. Wir überlegen uns nichts mehr dabei. Wir haben dann Gedanken und Sätze wie alte abgestorbene Zweige gesammelt.

Das ist eine Gefahr beim Beten – die Routine. Hier liegt aber auch eine Chance! Der heilige Geist möchte uns so gerne beim Beten helfen. Er möchte unsere Gedanken inspirieren und uns kreativ – schöpferisch werden lassen.  Gerade im Gebet kann man ganz neue, frische und lebendige Erfahrungen mit Gott, dem Heiligen Geist machen.

 

Jesus stellt nicht in Abrede, dass die Heiden auch beten. Natürlich beten die Heiden. Jeder Mensch betet irgendwie und irgendwann einmal in seinem Leben. Aber mit dem Plappern der Heiden meint Jesus eine bestimmte Gebetsart. Wir haben dafür ein Beispiel im 1. Buch der Könige Kapitel 18.  Hier wird der Gebetswettstreit Elias mit den Baalspriestern auf dem Berg Karmel beschrieben. Die Baalspriester waren richtige Gebetsweltmeister. Einen ganzen Tag hielten sie im Gebet durch. Sie schleuderten viele, viele Worte in den Himmel  und gerieten darüber noch in Ekstase.

Dahinter stand die heidnische Gebetsvorstellung: „Man muss die Gottheit müde beten – d.h. solange quengeln, bis diese Gottheit nicht anders kann und ein Einsehen hat und nachgibt.“

Kommt uns das nicht bekannt vor? Manchmal erlebt man es ja im Supermarkt mit. Da hat ein kleines Kind nicht das bekommen, was es wollte – oder die Mutti hat die Schokolade, die das Kind in den Einkaufswagen legte, wieder ins Regal zurückgebracht. Und dann machte das Kind Terror – zunächst nur „Bitte, bitte“ – dann versuchte es das Kleine mit Heulen und Schreien, und dann lag es auf dem Boden und bockte total – bis die entnervte Mutter ein Einsehen hatte.

Das nennt Jesus „beten wie die Heiden“, wenn wir so mit Gott umgehen. Vielleicht bitteln und betteln wir in manchen Angelegenheiten und liegen Gott in den Ohren bis wir bocken. Und dann behaupten wir: „Gott erhört mich nicht.“ Und schließlich sagen wir: „Ich will mit Gott nichts mehr zu tun haben.“

Jesus will damit sagen: Wenn du merkst, dass Gott auf bestimmte Bitten nicht eingeht, dann sei sensibel. Dann hat Gott etwas anderes vor – dann hat Gott etwas Besseres im Sinn.  Im Gebet müssen wir aufpassen, dass nicht wir Gott spielen und Gott für uns benutzen wollen. Im Gebet geht es um Vertrauen: ich vertraue Gott etwas an – aber ich vertraue auch, das Gott das Richtige daraus macht. Beten ist nichts anderes, als zu buchstabieren, was es heißt: „Euer Vater weiß, was ihr nötig habt – bevor ihr ihn darum bittet.“ Gott weiß, was richtig und gut ist für mich und Gott hat Mittel und Wege, es mir zu schenken. Beten heißt: Ich sage Gott meine Anliegen. Ich verlasse mich dabei ganz auf Gott. Und ich lasse mein Gebet los.

 

Beten wie die Heiden, das kann aber noch etwas anderes bedeuten. Der kleine Fritz war in den Ferien bei seiner Großmutter auf Urlaub.  Abends fragt die Großmutter: „Betest du auch vor dem Einschlafen?“ „Ja, jeden Abend“ – antwortete der Junge. „Und wie sieht es am Morgen aus?“ – fragt die Oma weiter. „Nein, am Morgen bete ich nicht. Am Tag habe ich keine Angst.“

 

Viele Gebete kommen aus der Angst. Die Griechen und Römer hatten viele Götter. Und jeder war für etwas anderes zuständig. Oft hatte man gar keinen richtigen Überblick mehr über die Vielzahl der Götter. Lernte man eine neue Kultur kennen, lernte man auch andere Götter kennen. Die neuen Götter wurden den alten angepasst, zugeordnet oder hinzugefügt. Aber man war sich nie sicher, ob man alle Götter erfasst und allen Göttern Genüge getan hat. Man lebte immer in der Angst, einen Gott übersehen zu haben.

So kam es zu dem merkwürdigen Phänomen, dass es auf dem Areopag in Athen einen Altar gab, der dem „unbekannten Gott“ geweiht war. Man hatte Angst einen Gott zu vergessen oder zu übersehen. Die Heiden hatten einen richtigen Horror davor, dass dieser Gott dann beleidigt ist und sich rächt. Die vielen Götternamen und Beschwörungsformel waren Ausdruck einer Angst.

Das großartig Neue, was Jesus und das ganze NT uns sagt, ist, dass wir zu Gott als dem Vater beten dürfen. Jesus nimmt das Gebet heraus aus einer religiösen Handelsbeziehung und stellt es in eine Familienbeziehung.  Vor dem Vater muss ich keine Angst haben - vor diesem Vater, den Jesus uns offenbart, nicht!

Vertrauen und Ehrfurcht ist darum die beste innere Haltung im Gebet. Und darum lernt uns Jesus zum Vater im Himmel zu beten – weil er unser Vater ist.

 

Amen

 




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