Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Pfingsten 2007

Text: 4. Mose 11,

11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst?

12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast?

14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer.

15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich,

17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.

24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte.

25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

 

Liebe Gemeinde!

 

Wollte man Typisches über unsere Zeit und Welt sagen, müsste man über drei markante und symbolträchtige Institutionen reden: den Flughafen, den Supermarkt und Mac Donalds.

Wir Menschen des 21. Jahrhunderts streben ungehinderte Beweglichkeit an. Wir wollen über den Raum frei verfügen. Jeder Punkt auf unserem Globus muss in möglichst kurzer Zeit erreichbar sein. Wer es sich leisten kann, jettet schnell einmal zum Einkaufen nach London – oder düst zu einer Dienstbesprechung  über den Atlantik nach New York.

Die andere Freiheit, die  der Mensch des 21. Jahrhunderts einfordert, ist die freie Verfügung über die Ware. In den Konsumtempeln unserer Tage quillt uns ein Überangebot von Produkten entgegen. Zwischen Käufer und Ware soll möglichst kein störender Verkäufer mehr stehen. Der Kunde will direkt und auf schnellstem Wege auf das Objekt seiner Begierde zugreifen können.

Eine dritte Freiheit ist „mega in“ – die Fast-Food-Ketten. Fast Food heißt zu Deutsch „schnelle Nahrung“. Man sagt: Bei Fast-Food-Restaurants darf die Zeit zwischen Bestellung  und Lieferung des Essens nicht mehr als 10 Minuten betragen.

Eins haben Flughafen, Supermarkt und Mac Donalds gemeinsam – alles Hindernde soll abgeschafft werden, damit jeder in allen Dingen einen freien und direkten Zugriff  bekommt. Mehr und mehr schleichen sich in unser Unterbewußtsein  die Gewohnheiten einer Instant-Kultur ein und machen sich dort breit. „Instant“ bedeutet: Sofort löslich – in kürzester Zeit zum Genuss bereit. So alt sind die Instant-Produkte noch gar nicht. Der lösliche Pulverkaffee kam erst in der Nachkriegszeit auf: Tasse, Pulver, heißes Wasser – drei Mal rühren – fertig ist der Instant-Coffee.

Was sich früher als Spannung zwischen einem Wunsch und der Erfüllung eines Bedürfnisses aufbaute, wird mehr und mehr als lästig angesehen. Wir lernen es immer weniger, Spannungen auszuhalten, sie zu verstehen und davon zu profitieren. Was man in längeren Zeiträumen planen, vorbereiten, zubereiten und vielleicht auch mühevoll erreichen musste – und an denen man aber auch reifen konnte, das verschwindet zusehends. Die Suche nach den Abkürzungen ist markant für unsere Zeit. Ist aber der kürzeste Weg zum Ziel immer der beste? Schneidet man dabei nicht auch manches Gute ab?

Wir feiern heute, liebe Gemeinde, das Pfingstfest. Was hat das alles mit Pfingsten zu tun? Zu Pfingsten geht es doch um das Kommen des Heiligen Geistes. Und in persönlicher Variante ausgedrückt, geht es zu Pfingsten um die Erneuerung des Menschen durch den Heiligen Geist.

Doch wenn wir nicht bloß ein bisschen Vergnügen oder Entspannung von diesem Fest mitnehmen wollen, sondern wenn sich davon etwas in unserem Leben niederschlagen soll, dann finden wir uns sofort wieder in einem dieser ungeliebten Spannungsfelder vor. Pfingsten ist einerseits das Fest der Freude über das Kommen des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist ausgegossen auf alles Fleisch. Das ist eine Tatsache. Gott hat seinen Geist geschenkt. Der Geist kam – vom Vater und vom Sohn. Wir können Gott nicht genug über die Gabe seines Geistes danken. Wir haben den Geist. Er ist uns gegeben. Er ist unter uns. Er ist da! Gott ist da! Der Heilige Geist ist ein für alle Mal ausgegossen – ausgeschüttet durch die überschwängliche Liebe Gottes zu uns Menschen.

Auf der anderen Seite entdecken wir Christen uns als solche, die den Geist Gottes brauchen. Keiner von uns kann den Heiligen Geist konservieren. Keiner kann den Heiligen Geist in sich einschließen oder an sich binden. Den Geist Gottes kann man nicht haben, wie man irgendeine andere Sache der Welt besitzen kann. Wir sind wie leere Gefäße, die Gott füllen muss. Und darum ist die Bitte um den Geist und das Warten auf den Geist und die Sehnsucht nach neuen Erfahrungen mit dem Heiligen Geist etwas Legitimes, Natürliches und Wichtiges.

Die Gemeinde des Auferstandenen wird sich immer in diesem Spannungsfeld vorfinden, dass sie Pfingsten feiert und Pfingsten erwartet. Wir feiern diese herrliche Tatsache, dass Gott uns seinen Heiligen Geist geschenkt hat und wir warten andererseits auf neue Manifestationen des göttlichen Geistes.

Wie kann man  - wie können wir - in diesem Spannungsfeld bleiben? Durch ein dreifaches „JA“.

I. das „JA“ zur Situation

II. das „JA“ zum Heiligen Geist

III. das „JA“ zu den Brüdern und Schwestern

I. Das Volk Israel lechzte in der Wüste nach schellen Lösungen. Der Weg wurde schwer. Der Wunsch nach einem Highway in das gelobte Land wurde immer größer. In diesem stupiden Trott durch die Wüste wünschte man sich Abwechslung. Nicht nur der Speiseplan war monoton – auch die täglichen Aussichten waren es. Mit Worten des 21. Jahrhunderts gesagt: die Sehnsucht nach dem Flugzeug, den Supermarkt und Mac Donalds kam auf.

Im 11. Kapitel des 4. Mose-Buches wird uns eine zum zerreißen gespannte Situation geschildert.

So beginnt dieses Kapitel: „Und es geschah, als das Volk sich in Klagen erging“  Das war die Situation: das Volk erging sich in Klagen gegen Gott. Sie machten ihrem Unmut Luft. Und Gott reagierte mit Zorn. Feuer brach im Lager aus. Aber sie verstanden diese Warnung nicht. Die Situation spitzt sich weiter zu. Das Volk „gierte voller Begierde, und die Söhne Israel weinten und sagten: Wer wird uns Fleisch zu essen geben?“ Und dann wird im 5. Vers sehr anschaulich beschrieben, wie der Speiseplan von Ägypten in ihren Erinnerungen erscheint und übermächtig wird: „Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, an die Gurken und an die Melonen und an den Lauch und an die Zwiebeln und an den Knoblauch und nun ist unsere Kehle vertrocknet; gar nichts ist da, nur das Manna.“

Was hier passierte, kann auch uns passieren. Wenn die natürlichen, menschlichen Ressourcen aufgebraucht sind, brechen innere Probleme auf.  Äußere Not führt schnell zu inneren Auflösungserscheinungen. Es beginnt etwas zu bröckeln. Es geschieht Unkontrolliertes und Ungewolltes. Zerstörende und zersetzende Kräfte beginnen ihr Werk.

Hier setzt unser PT ein. Mit ganzer Wucht trifft es Mose. Er allein steht plötzlich auf dem Prüfstand. Die Situation ist wirklich aussichtslos. Die Wüste gibt nichts her. Das Volk sitzt in der Klemme. Es gibt keinen Ausweg mehr – und der innere Halt löst sich einfach auf. Die Lage droht zu eskalieren.

Wie es dem Mose zumute war, erfahren wir hier aus der Bibel. Er ist voller Kummer. Ja, und was vielleicht noch entscheidender ist: Er empfindet die Last, die Gott ihm mit diesem Volk auferlegt, als gnadenlos – er lechzt nach Gnade. „Ich allein kann dieses ganze Volk nicht tragen, denn es ist mir zu schwer“ – sagt er.

Wie kann man in dem Spannungsfeld bleiben, damit Gott mit uns etwas anfangen kann, hatten wir gefragt. Und als erstes hatten wir gesagt: Sage „Ja“ zu der Situation. Das macht Mose hier. Er bekennt Gott seine Unfähigkeit, seinen Bankrott, sein Scheitern. Er bleibt dabei nicht mit sich allein. Er schreit seine Not zu Gott. Sein Rufen nach Gnade hat eine konkrete Adresse: Gott.

Wie wichtig ist doch das Gebet. Welche große Chance ist doch das Gebet. Wir haben von Gott ein ganz, ganz großes Geschenk bekommen – das Gebet. Jeder hat dieses Geschenk bekommen. Und für das Gebet gibt es nur eine Bedingung: Ehrlichkeit.

Pfingsten hat sehr viel mit ehrlichem Gebet zu tun.

Hier kommt eine ganz persönliche Einladung auf uns zu. Bring deine Situation, deine Not, deine innere Lage, vor Gott zur Sprache. Schäme Dich dessen nicht - auch wenn du die Spannung unerträglich findest.  Verschweige deine Gedanken nicht - auch wenn du Gott sagen musst: Ich verstehe dich nicht. Auch in gandenlosen Umständen dürfen wir zu Gott um Gnade flehen. Wir dürfen im Gebet so zu Gott kommen wie wir sind. Das ist das 1. „Ja“ – „Ja“ zur Situation.

II. Das zweite „Ja“ lautet: Ja zum Heiligen Geist. Gott begann damals in der Wüste das Problem des Volkes und des Mose durch seinen Geist zu lösen.  Gott antwortet auf das Gebet des Mose und sagt: „Ich werde von dem Geist nehmen, der auf dir ist, und auf sie legen.“

Oft sind wir dem Heiligen Geist gegenüber gleichgültig oder sogar ängstlich. Dem Heiligen Geist gegenüber gibt es viele Ressentiments. Zwei wichtige Dinge sollten wir über den Heiligen Geist wissen.

1. Gott ist seit Pfingsten in seinem Geist unter uns da – d.h. Gott will uns auf spirituellem / geistlichem Wege begegnen. Mit unserem Verstand können wir viele Zusammenhänge in der  Natur erkennen. Und indirekt kann man auch manches in der Schöpfung vom Schöpfer wahrnehmen. Aber auf intellektuellem Wege werden wir keinen Zugang zum Heiligen Geist bekommen.

Weil Gott in seinem Geist unter uns da ist, müssen wir uns auf geistliche Wege zu ihm begeben. Und da spielt unser Herz, das Gebet, die Gemeinde, die Sakramente, die Buße, die Demut eine wichtige Rolle. Die geistliche Welt  hat einen ganz anderen Zugang als die materielle Welt. Das sollten wir als erstes wissen. Gott ist seit Pfingsten in seinem Geist unter uns da – d.h. Gott will uns auf spirituellem / geistlichem Wege begegnen.

2. Das zweite Wichtige ist: Gottes Geist ist der Heilige Geist. Es gibt wohl viele unheilige Geister – aber nur einen Heiligen Geist. Und dieser Heilige Geist gehört zu dem dreieinen Gott. Ohne Jesus, ohne den Vater gibt es diesen Heiligen Geist nicht.

In unserer Zeit wird oft von spirituellen Erfahrungen geredet. Spirituelle Erfahrungen sind aber nicht unbedingt Erfahrungen mit Gott. Da, wo Jesus außen vor bleibt, da, wo unsere Schuldverflochtenheit geleugnet und ein Bogen um die Buße und Vergebung gemacht wird, ist nicht der Heilige Geist am Wirken. Gottes Geist ist der Heilige Geist. Er geht von dem Heiligen Gott aus und von Jesus, dem Heiligen Gottes. Und darum führt der Heilige Geist immer auch zu einer tiefen Ehrfurcht vor Gott.

Zu diesem Heiligen Geist sollen wir „Ja“ sagen, ihn erwarten und um ihn bitten. Gerade die vielen Nöte und Probleme die auf unser kleiner werdendes Volk zukommen, oder  die schwindende Rolle der Kirche im europäischen Kontext oder die vielen sozialen und menschlichen Herausforderungen wollen uns zu neuen geistlichen Erfahrungen führen. Und darum muss für uns Christen die Bitte um den Heiligen Geist an aller erster Stelle stehen.

III. Von einem dritten „Ja“ ist noch zu reden – das „Ja“ zu den Brüdern und Schwestern. Mose bekommt Hilfe, indem ihn Gott 70 Mitarbeiter an die Seite stellt. Und das geschieht so: „Und der HERR kam in der Wolke herab und redete zu ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Männer, die Ältesten“.

Gott gibt denselben Geist, der auf Mose war, auch auf die 70 Ältesten des Volkes. Nach unseren irdischen und menschlichen Maßstäben würde das nicht anders gehen, als das man das, was der eine hat, in Portionen aufteilt und möglichst gleichmäßig und gerecht verteilt. Dann hätte menschlich gesprochen, jeder Älteste 1/70 von dem Geist empfangen, der auf Mose war.

Aber die Bibel berichtet uns hier von einem geistlichen Geschehen. Jeder bekommt denselben Geist, wie er auch auf Mose war. Den Heiligen Geist kann man nicht teilen. Jeder bekommt von Gott denselben Geist.

So verteilt Gott Lasten – durch die Gabe des Heiligen Geistes. Es ist fast sicher anzunehmen, dass Mose nicht alle dieser 70 Ältesten menschlich toll fand. Aber darum geht es auch nicht. Jeder von ihnen war ein Gefäß des Geistes. Und jeder war von Gott mit dem Geist begabt, um als Geistträger die Last zu tragen. Und darum musste es Mose lernen, einen jeden anzunehmen. Und alle zusammen mussten es lernen, dass Gott sie zu einer Dienstgemeinschaft zusammengestellt hat.

Dazu schenkt uns Gott seinen Heiligen Geist, damit wir Lasten tragen. Dazu begabt uns Gott, damit wir dienen. Jeder empfängt den ganzen Heiligen Geist. Und darum sind Kategorien wie besser oder schlechter, höher oder tiefer, wertvoller oder geringer in der Gemeinde des Auferstandenen absolut fehl am Platz. Wer den  Heiligen Geist empfangen hat, muss das „Ja“ zu den Brüdern und Schwestern lernen, um mit ihnen die Lasten zu tragen.

Manchmal geht es uns Christen wie allen anderen Zeitgenossen unseres Jahrhunderts. Wir stehen in Gefahr den Flughafen, den Supermarkt und Mac Donalds zu Standards des Reiches Gottes zu erklären.

Ich möchte zum Schluss drei wichtige Dinge nennen, wie Gott uns erneuert, wie Gott seine Gemeinde baut und wie Gott sein Reich zu uns Menschen kommen lässt: durch Treue, durch Warten und durch die Bitte um den Heiligen Geist.

 

Amen

 

 




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