Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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12. Sonntag nach Trinitatis

PT: Mark 8,22-26

22 Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn aanrühre.

23 Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, atat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas?

24 Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen.

25 Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, sodass er alles scharf sehen konnte.

26 Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Unterwegs in Armenien unternahmen wir einen Ausflug zu den Klosterkirchen auf der Halbinsel im Sevansee. Der Sevansee ist mit einer Höhenlage von 2000 m der höchstgelegene Süßwassersee der Welt. Früher lagen die drei Kirchen auf einer Insel. Dank der „Industrialisierung der Landwirtschaft“ wurde der Spiegel des Sevansees in Zeiten des Sowjetimperialismus um 18 m gesengt. Wahrlich große Leistungen vollbrachten die Genossen Ingenieure. Vorteil ziehen davon nur die Touristen. So muss man nicht mehr mit dem Boot zur Klosterinsel übersetzen, sondern man kann bequem mit dem Bus bis an den Fuß des Klosterberges fahren.

Um zu den Kirchen zugelangen, muss man viele Stufen nach oben steigen. Auf diesem Weg zum Kloster haben sich einige Händler angesiedelt, die ihre einheimischen Produkte und Souvenirs anbieten.

Eine eindrückliche Stimmung legte sich auf uns nieder. Imposante Wolkengebilde hatten sich über dem armenischen Meer aufgetürmt. Die Sonne schien. Die Natur hatte ihr schönstes Kleid angelegt. Alles blühte. Das Interesse an den alten Kreuzkuppelkirchen zog uns förmlich nach oben. Von weitem hörten wir jemand singen. Je weiter wir nach oben stiegen, desto näher kam uns der Gesang eines alten Mannes.

Ich konnte es nicht lassen, den singenden Greis mit der Apostelkirche aus dem 9. Jahrhundert im Hintergrund zu fotografieren. Ärmlich gekleidet, auf einem Stock gestützt, stand er da. Sein rechtes Auge war mit einer Binde verdeckt.

Vielleicht war er auf diesem Auge erblindet. Vielleicht hatte der Krieg ihm dieses Auge genommen. Er konnte nicht mehr viel tun, als singen und betteln.

Was muss es für einen Menschen bedeuten, wenn mehr und mehr sein Sehvermögen eingeschränkt wird oder wenn er gar erblindet? Unser Auge ist gewissermaßen unser Fenster (die Verbindung) nach außen. Mit unseren Augen nehmen wir die Welt wahr. Es muss schwer sein, wenn man die Sonne, die Menschen, die Blumen, die Berge, die Farben und Formen dieser Welt gesehen hat und dann in das Dunkel gestoßen wird. Das Leben muss weiter gehen. Es geht auch weiter. Es geht anders weiter. Und der Erblindende muss die Situation annehmen und lernen, damit zu leben. Nur zu verständlich ist der Wunsch und die Sehnsucht, wieder richtig sehen zu können.  

Erstaunliches haben Augenärzte heutzutage erforscht. In vielen Fällen können Erblindungsprozesse gestoppt werden. In manchen Fällen bekommen Patienten sogar ihr Sehvermögen zurück.

In den Zeiten der Bibel war das medizinisch nicht möglich. Aber die Hoffnung und die Sehnsucht der Blinden war genauso vorhanden: „Ich möchte wieder sehen können.“

Die Heilung von Blinden wurde im alten Israel zum Erkennungszeichen für den Messias. So haben die Propheten den Messias angekündigt: „Er wird den Blinden das Augenlicht wiedergeben.“ So weist sich Jesus gegenüber Johannes dem Täufer aus, der im Gefängnis sitzt und zweifelnd fragt: „Ist er es oder ist er es nicht?“ Jesus sagt den Johannes Jüngern: „Sagt ihm, was ihr selbst beobachtet: Blinde sehen, Lahme gehen und den Armen wird die Frohe Botschaft gepredigt.“

Einer der Namen, den man Jesus gegeben hat, greift das auf.

ER ist unser Heiland - d.h. Er ist der heilende Herr. Wir haben damit nur nachgesprochen, was die Bibel formuliert hat. Jesaja sagt: „In Seinen Wunden sind wir geheilt.“ David singt im PS 103: „Er heilet alle unsere Gebrechen.“ Jeremia: betet: „Heile Du mich Herr, so werde ich heil.“

Jesus ist unser Heiland. Nicht nur unsere Schuld und unser Versagen haben etwas mit ihm zu tun - auch unsere Krankheiten gehören IHM. Mit allem dürfen wir zu IHM kommen.

Auch und gerade da, wo wir Verluste an Lebensqualität hinnehmen mussten, dürfen wir zu Ihm kommen und von IHM Hilfe erwarten. Was Er damit macht - ist SEINE Entscheidung - aber auch die Krankheit gehört IHM. Er hat sie getragen. Und was IHM gehört, das darf ich IHM nicht vorenthalten.

Wenn man die Geschichte der Heilung eines Blinden, die wir heute als PT hörten, auf sich wirken lässt, bekommt man den Eindruck, dass Markus damit verschiedene Menschen mit ihren Sorgen und Problemen anspricht. Wer alles soll von der heilenden Kraft Jesu hören? Wer alles soll davon berührt werden?

Natürlich geht es in dieser Geschichte zu allererst um den Blinden. Er wird geheilt und darf voll Freude ein neues Leben beginnen. Es geht jedoch auch um die Menschen, die davon hören. Darum schreibt ja Markus diese Geschichte auf. Obgleich Jesus den Blinden abseits der Neugierigen geheilt hat, ist dieses Wunder bekannt geworden. Vielleicht hören wir heute diese Geschichte gerade deshalb, weil  sie etwas mit unserem Leben zu tun haben will?

Wir könnten uns im ersten Moment wehren und sagen: Es betrifft doch gar nicht meine Situation! Ich bin nicht blind. Im Gegenteil ich sehe sehr gut! Wir sehen viel mehr, als die Menschen vor uns. Mikroskope und Teleskope haben unseren Blick geweitet. Brillen gleichen Sehfehler aus. Durch das Fernsehen haben wir unsere Augen in aller Welt. Und vieles sehen wir, was wir lieber nicht sehen sollten.

Wir sehen sehr gut. Und doch gibt es da einen Unterschied zwischen Sehen und Sehen. Weil wir viel zu viel sehen, erkennen wir vieles in seiner Tiefendimension oder mit seinem wirklichen Hintergrund nicht mehr.          

Der singende Bettler am Sevansee hatte nur noch ein Auge. Wenn man nur noch ein Auge hat,  kann man die Welt nicht mehr räumlich sehen. Man sieht alles nur als Fläche. Unsere Augen sind wie zwei Kameras, deren Information das Gehirn verarbeitet. In uns entsteht das Bild einer dreidimensionalen Welt. Fällt die eine Kamera aus (liefert das eine Auge keine Informationen mehr), kann das Gehirn nur ein Flächenbild entstehen lassen. Die Tiefendimension fehlt.

An dieser Stelle möchte ich uns auf eine sehr interessante Sache aufmerksam machen. Die Bibel lehrt, dass hinter den Dingen, die wir mit unseren beiden natürlichen Augen sehen, noch mehr zu sehen ist. Jesus sagt zum Beispiel: „Wer mich sieht, der sieht den Vater.“  Paulus schreibt an die Christen in Ephesus: „Gott erleuchte die Augen eurer Herzen, damit ihr erkennen könnt, zu welcher Hoffnung an Herrlichkeit ihr berufen seid.“

Die Bibel behauptet, dass es noch mehr wahrzunehmen gibt, als wir mit unseren beiden Augen sehen können. Darum müssen wir unsere erste Definition von Blindheit, die wir­ beim Lesen der Blindenheilung im Markus-Evangelium einfach vorausgesetzt haben, noch einmal überdenken und hinterfragen.

Jesus nannte die Pharisäer einmal „blinde Blindenleiter“. Sie zählten nicht zu den organisch Blinden und dennoch nennt sie Jesus blind. Paulus schreibt im Römerbrief  „Blindheit ist einem Teil Israels widerfahren.“  Damit meint Paulus nicht, dass ein Teil des jüdischen Volkes das Augenlicht verloren hat. Jesus und Paulus sprechen von einer anderen Blindheit, die uns Menschen befallen kann.

Achten wir auf unsere Umgangssprache, so kommen wir dem auf die Spur. Ein kleiner Streit kann uns blind machen für die Vorzüge des anderen. Man sieht nur noch die negativen Seiten. Hass macht die Menschen furchtbar blind. Die Wirklichkeit ist nicht mehr die Wirklichkeit, sondern nur noch so, wie ich sie sehen will. Man sagt, dass auch Liebe blind macht. Zwar nur für eine gewisse Zeit und in angenehmer Weise - aber auch sie schränkt das Wahrnehmungsvermögen ein.

Blind nennen wir nicht nur jemand, der ohne Sehkraft ist, sondern auch jemanden, der „sehenden Auges“ ins Verderben rennt. Jede Sucht ist mit einer Blindheit gekoppelt.

Blind ist auch einer, der wider besseres Wissen keine Lehre / keinen guten Rat annimmt.

Sind wir nicht alle irgendwo und an mindestens einer Stelle gehandicapt? Jeder von uns leidet an irgendetwas oder irgendjemand. Keiner von uns sieht die ganze Wirklichkeit. Jeder von uns ist an bestimmten Stellen blind. Ist dies nicht darum auch unsere Geschichte?

Wir haben Ohren und hören oft nicht. Wir haben Augen und sehen oft nicht. Wie oft sind wir blind für Gott?

Er handelt in der Geschichte, Er handelt in unserem Leben - und wir sehen es nicht - im Gegenteil, wir geben uns große Mühe, es irgendwie anders zu erklären. Er will uns etwas zeigen und wir bemühen uns wegzuschauen. Er warnt uns und wir sind unsensibel.

Woran liegt es, dass wir so wenig von der Größe und Herrlichkeit Gottes wahrnehmen? Hat Gott sich zurückgezogen und versteckt, oder sehe ich deshalb nichts davon, weil ich blind bin?

Unser Predigttext ist für alle, die mit Blindheit geschlagen sind, eine gute Nachricht. Jesus Christus ist unser Heiland. Er heilt die Blinden. Er hat Macht, die Blindheit zu nehmen und Er hat Macht, uns neue Sehkraft zu geben!

Aber wie kann das geschehen?

Der erste Schritt heißt: Komme zu Jesus, oder lass dich zu IHM bringen. Hier in dieser Geschichte heißt es: „Sie brachten den Blinden zu Jesus.“ Manchmal ist es gut, wenn uns Menschen einfach mitnehmen und zu IHM bringen. Aber wie auch immer, ob aus eigener Kraft, auch eigenem Entschluss und Willen, oder durch andere: Ich muss zu IHM. An dem Gekreuzigten und Auferstandenen vorbei gibt es keine Heilung. Er allein ist das Heil, das alle Heilung einschließt.

Zu Jesus kommen, das kann ganz schlicht aussehen. Vielleicht sage ich in meinem Herzen: „Herr, nun bin ich da. Du hast lang schon auf mich gewartet. Ich bin so oft vor Dir geflohen. Nun bin ich da.“

Der zweite Schritt heißt: Lass Jesus an dir handeln, wie Er es will. Wie der Herr an uns handelt, das passt oft nicht in unsere Vorstellungen. Jesus spuckte hier dem Blinden in die Augen und legte ihm die Hand auf. Was hätten wir gedacht, wenn wir dabei gewesen wären. Laut hätten wir es ja nicht gesagt - aber was hätten wir gedacht?

Markus schreibt das Unangenehme mit. Er lässt es nicht einfach weg, um uns ein zahmes Jesusbild vor Augen zumalen. Oft handelt der Herr an uns und wir empfinden es erst einmal total unangenehm. Was wir da erleben, passt oft gerade nicht zu unserem Vorstellungen von Jesus. Es ist als ob wir furchtbar provoziert und geradezu verletzt werden. Darum sagt Jesus: „Selig ist, wer nicht an mir Ärgernis nimmt.“ Wie vielen wurde der Gekreuzigte Gott zum Ärgernis. Selig sind, die den Herrn an sich handeln lassen, so wie ER es will. Selig sind, die sich nicht an IHM ärgern, denn Ärger macht blind.

Der dritte Schritt heißt: Bleibe bei derWahrheit.

Jesus fragt den Blinden: „Was siehst Du?“ Und der Blinde sagt nicht voll Glaubens oder Jesus zu liebe, oder damit er Ruhe kriegt: „Ich sehe alles.“ Er bleibt bei der Wahrheit: „Ich sehe die Menschen wie die Bäume umhergehen.“ Immerhin, es ist schon ein großer Fortschritt vom Nicht-Sehen zum Sehen der Menschen wie Bäume: Er sieht wieder etwas!

Aber was hilft das, wenn ich die Menschen wie Bäume sehe und nicht wie Menschen. Da stimmt etwas noch nicht. Mit unserer Welt ist es schlecht bestellt, wenn wir den Menschen nicht mehr als Menschen, als geliebte Geschöpfe Gottes sehen, sondern höchstens noch als ein Objekt, als eine Maschine, als einen Artikel. Der Heiland will uns so heilen, dass wir den Menschen wieder als Menschen sehen.

Der Blinde sagt dies Jesus. Er muss das Aussehen der Menschen und der Bäume gekannt haben. Und er sagt mit diesen Worten: „Herr, etwas ist noch nicht in Ordnung.“ Dies ist die einzigste Geschichte in der ganzen Bibel, wo Jesus zwei Mal handeln muss. Sicher hat das Gründe!

Der vierte Schritt heißt Geduld und Treue.

Der Blinde lässt den Herrn noch einmal an sich handeln. Er sagt nicht: „Es hat sowieso keinen Zweck mit mir.“ Oder: „Niemand kann mir helfen.“ Das ist eine Lüge des Teufels.

Mit jedem kommt der Herr ans Ziel. Am Ende wird alles Herrlichkeit sein. In der Ewigkeit wird es keine Krankheit mehr geben. Johannes hat das Ziel gesehen: „Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein.“

Wir sind noch nicht am Ziel. Wir sind mit IHM auf dem Weg dorthin. Lassen wir uns doch dort von dem Blinden ermutigen. Er hat sich gesagt, wenn Jesus schon beim ersten Mal mit mir einen Schritt vorwärts gekommen ist, dann hat er doch auch Macht, mich ganz gesund zu machen. Der das gute Werk, das Er in uns begonnen hat, wird er vollenden. Wir brauchen Geduld und Treue.

Das will - so meine ich - Markus uns mit dieser Geschichte sagen. In unserer Blindheit sehen wir oft nicht, wie Jesus uns und unsere Probleme sieht. Zwei Kapitel weiter schreibt Markus von der Begegnung Jesu mit einem reichen jungen Mann. Sein Reichtum hatte ihn blind gemacht. Und da heißt es in der Bibel: „Jesus sah ihn an und liebte ihn.“

Unser Herr schaut uns immer mit den Augen der Liebe an.  Er will, dass wir glaubend, vertrauend auf IHN sehen. IHN sollen wir anschauen. IHN sollen wir erkennen.

 

Dabei helfe uns der Friede Gottes, der viel größer ist als unser Verstand. Er bewahre uns in Christus Jesus unserem Herrn. Amen

 




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