Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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14. Sonntag nach Trinitatis



Text: Gen 28,10-22

„10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran

11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen.

12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder.

13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben.

14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden.

15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe.

16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht!

17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie aheilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels.

18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf

19 und nannte die Stätte Bethel; vorher aber hieß die Stadt Lus.

20 Und Jakob tat ein Gelübde und sprach: Wird Gott mit mir sein und mich behüten auf dem Wege, den ich reise, und mir Brot zu essen geben und Kleider anzuziehen

21 und mich mit Frieden wieder heim zu meinem Vater bringen, so soll der HERR mein Gott sein.

22 Und dieser Stein, den ich aufgerichtet habe zu einem Steinmal, soll ein Gotteshaus werden; und von allem, was du mir gibst, will ich dir den Zehnten geben.“

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Dieser Bibeltext hat in der Kunstgeschichte viele Spuren hinterlassen. Unzählige Künstler haben Jakobs Traum von der Himmelsleiter in Bildern dargestellt. Ein sehr außergewöhnliche Kreation davon habe ich als Fotografie in unserer Wohnung hängen.

Im nordöstlichen Teil Rumäniens, jenseits der Karpaten – in der Moldau – befindet sich der berühmte Klosterarchipel. Das besondere an den Moldauklöstern ist, dass die Kirchen innen und außen mit Fresken bemalt sind. Normalerweise sind in den orthodoxen Kirchen die Innenwände vollkommen mit Bildern bedeckt. Biblische Personen, Heilige und Märtyrer sind dargestellt. Das Besondere der Moldau-Klöster ist, wie gesagt, dass sie auch außen ein Ikonenprogramm haben.

Das Foto, das in unserer Wohnung hängt, ist ein Ausschnitt von der Außenwand der Klosterkirche in Sucevita. Gemalt wurden jene Fresken im 16. Jahrhundert. Sie haben dem Wind, dem Regen und der Sonne getrotzt. Die Farben haben ihre Leuchtkraft wie eh und je.

Berühmt wurde Sucevita durch die Himmelsleiter. Eine große Leiter mit 30 Sprossen teilt die Kirchenwand diagonal ein. Von rechts unten nach links oben. In der oberen Hälfte ist der Himmel dargestellt. Wohlgeordnet haben sich dort Engel aufgereiht. Auf den Sprossen der Leiter steigen Menschen nach oben. Am Ende der Leiter ist Jesus zu sehen. Er empfängt die Ankommenden.

Ganz anders hingegen ist der linke untere Teil des Bildes. Unterhalb der Leiter ist Chaos. Finstere, hässliche Dämonen wirbeln wild durcheinander. Sie versuchen die Menschen auf der Leiter nach unten zu ziehen und es gelingt ihnen an einigen Stellen. Man sieht Menschen buchstäblich abstürzen. Auf dem Boden wälzt sich ein drachenähnliches Ungeheuer.

In Sucevita wurde die Leiter der Tugenden von Johannes Klimakos dargestellt. Hinter dieser Ikonenmalerei steht die theologische Idee jenes Abtes aus dem berühmten Kloster am Sinai. Johannes Klimakos (7. Jhdt) stellte den Weg zu Gott in 30 Tugenden dar. Dementsprechend haben viele Darstellungen der Jakobsleiter in den orthodoxen Kirchen 30 Sprossen. So auch in Sucevita. Stufe um Stufe erklimmt der Mensch, der zu Gott will.

Man fragt sich, was motiviert die Menschen auf der Himmelsleiter nach oben zu steigen? Die Himmelsleiter in Sucevita schwebt frei in der Luft. Kein Geländer ist zu sehen. Nirgends finden die Menschen Halt. Zwischen Himmel und Hölle geht der Weg nach oben. Das einzigste, was die Aufsteigenden haben, sind die dünnen Sprossen der Leiter, darauf sie stehen. Je höher sie kommen, umso mehr schweben sie im freien Raum. Das Wagnis steigert sich ins Übermenschliche.

Was bringt überhaupt die Menschen dazu, auf dieser Himmelsleiter nach oben zu steigen? Was ist die treibende Kraft? Ist es der Ekel vor der Finsternis, die Angst vor Tod? Ist es das allgemeine Karrierestreben, der Drang nach oben? Ist es der Wille, sich selbst zu vervollkommnen? Ist es die innere Sehnsucht nach Harmonie und Reinheit?

Die Jakobsleiter in Sucevita gibt eine eigene Antwort. Wir werden darauf zurückkommen. Von jenem Freskenbild in der Moldau möchte ich zurückkommen zu unserer Geschichte aus der Bibel. Ich möchte es zu einem Zwiegespräch zwischen biblischen Text und dem Bild kommen lassen.

Als Jakob den Traum von der Himmelsleiter hatte, war er auf der Flucht. Er hatte es geschafft, mit seinem rücksichtslosen und egoistischen Streben seine Familie zu entzweien. Ja, er selbst war mit sich nicht mehr im Reinen. Er wurde zum Lügner, zum Dieb, zum Zerstörer, zum Diabolos. Er ließ nur Trümmer zurück. Das Verhältnis zum Vater war zerstört. Die Beziehung zum Bruder war zerbrochen. Er selbst hatte, was er wollte – aber zu welchem Preis?

Wie ist das, wenn wir auf rücksichtslosen Wegen bekommen was wir wollen?  Glücklich werden wir dabei nie und nimmer. Wie ist das, wenn wir auf Kosten der anderen unsere Ziele erreichen, dabei aber gute Beziehungen verlieren? Liebe kann man nicht erkaufen oder erzwingen. Ein gutes Miteinander mit den Menschen, die an unserer Seite leben, das ist doch auch ein Wert – ein sehr hoher sogar. Oft viel wertvoller als jeder andere materielle Wert.

Wie ist das, wenn Menschen erfolgreich sind, dabei aber sich selbst mehr und mehr zerstören? Im Zusammenhang mit der Lektüre eines Buches über Georgien bin ich auf Stalin gestoßen. Stalin stammte aus Georgien. Man verehrte ihn per Dekret als Vater aller Völker. Aber dieser Mann wurde mehr und mehr zum Ungeheuer. Seine Tochter sagt über ihren Vater auf dem Sterbebett: „Das Sterben des Vaters war furchtbar und schwer. Nach und nach verlies ihn alles Menschliche und er wurde zum finsteren Monument seiner selbst.“

Der Lebensweg des Jakob hätte auch so enden können, wenn da nicht jene Ereignisse gewesen wären, von denen uns die Bibel erzählt. Der Traum von der Himmelsleiter deutet es schon an. Gott griff nach dem Jakob. Er griff ein in seine Geschichte. Er stellte sich ihm in den Weg.   

Beim Lesen dieser uralten Geschichte habe ich für mich 5 unterschiedliche Überraschungen entdeckt. Die 1. Überraschung ist die Tatsache, dass Gott diesen Betrüger nicht einfach laufen lässt. Jakob war kein Musterknabe. Er war weder ein Gerechter noch ein Heiliger. Warum beschäftigt sich Gott mit so einem? Er hätte sich doch z.B. mehr um den Esau kümmern können. Sicher hat sich Gott auch dem Esau zugewandt – aber das ist nicht Thema dieser biblischen Geschichte. Gott hätte den Jakob doch einfach nur sich selbst überlassen können. Die besten Strafen schaffen wir uns selbst.

Würde Gott uns Menschen einfach laufen lassen, würde es einfach nur schlimm werden – nicht nur mit uns selbst, sondern für die anderen auch. Wir Menschen werden niemals nur für uns selbst schuldig. Schuld betrifft immer andere mit, weil wir Menschen immer in Beziehungen leben. Wir sind keine Einzelwesen. So gibt es Segenszusammenhänge – aber auch Schuldzusammenhänge.

Gott könnte sich ja beleidigt abwenden, wenn Menschen seine guten Lebensordnungen verraten. So reagieren wir ja oft. Wir sagen: „Dann mach du deins und ich mache meins.“ Die Liebe reagiert anders. Gott will das Leben. Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Interessanter Weise ist auf dem Fresko in Sucevita ein Engel zu sehen, den Gott in die Höhle schickt. Damit ist ausgedrückt: Die Hölle ist keine in sich geschlossen Gegenwelt, die dem Zugriff Gottes entzogen wäre. Für jeden Menschen hat Gott einen Plan, ein Ziel. Und über jedem Leben steht die Liebesabsicht Gottes.

Eine 2. Überraschung drängte sich mir beim Lesen der Geschichte von der Himmelsleiter auf.  Gott zeigt dem Jakob in jenem Traum, was er im Tiefsten sucht. Es ist nicht der Erfolg. Es ist nicht der Segen als eine Art Garantie, dass uns alles besser gelingt. Es ist auch nicht Macht und Ehre. Wir Menschen suchen den Himmel. Seit dem Verlust des Paradieses suchen wir den Himmel.

Das ist heute immer noch so. Achten Sie einmal auf die Werbungen. Wie oft wird mit „himmlischen Dingen“ geworben. Die Werbeexperten wissen ganz genau, worauf wir ansprechbar sind. Wir haben in uns eine Sehnsucht nach Harmonie und Vollkommenheit. Und vielleicht ahnen wir auch, dass dies nur in der Nähe Gottes zu finden ist.

In Sucevitat bewegen sich alle Menschen dorthin, wohin sie schauen. Wohl darum stellt Gott dem Jakob in jenem nächtlichen Traum das vor Augen, was er sucht. Er lässt ihn bewusst werden, dass er - wie jeder andere Mensch auch -  auf der Suche nach dem Himmel, nach Gott ist.

Die 3. Überraschung. Gott gibt dem Jakob im Anblick des Himmels nur Verheißungen. Wir hätten dem Kerl ordentlich die Leviten gelesen. Aber Gott wiederholt seine alten Versprechen. Das, was Gott seinem Großvater Abraham und seinem Vater Isaak bereits zusagte, erklingt  hier neu. Das ist kein kalter Kaffee. Es ist wichtig, dass es auch der Jakob hört. Gottes Wort ist immer speziell und persönlich – auch wenn es Wiederholungen sind. Gott muss nicht dauernd etwas Neues sagen – aber er muss sein altes, gutes Wort so sagen, dass es in uns zum Leben wird.

Wie oft muss auch uns manches noch einmal und noch einmal gesagt werden. Gott wiederholt sich so oft, bis sein Wort in uns Leben zeugt. Es ist und bleibt traumhaft, wenn Gott immer wieder und immer noch zu uns redet! So wie jetzt!

Einen Großvater Abraham und einen Vater Isaak zu haben bedeutet für den Jakob nicht automatisch, dass er in den Wegen Gottes geht. Die Zugänge, die Tradition und Gewohnheit zum Glauben eröffnen, reichen nicht aus, um ein Segensträger zu werden. Gott hat keine Enkel und Urenkel sondern nur Kinder. Es ist immer aufs Neue sein Wort, das in uns durch die Kraft des Heiligen Geistes neues Leben schafft. Wohl deshalb gab der Maler in Suvevita Christus am Ende der Himmelsleiter eine Buchrolle in die Hand. Gott spricht und handelt durch sein Wort.

Und noch etwas hat der Maler dieser überdimensionalen Himmelsleiter verstanden. Er hat Jesus auf einem roten Hintergrund gemalt. Rot ist die Farbe der Liebe. Hier finden wir die Antwort auf die Frage nach der Motivation. Der Maler hat die Frage: „Was treibt uns Menschen um, was zieht uns nach oben?“ so beantwortet: Es ist einzig und allein Gottes Liebe. Es ist Gottes unendliche Liebe, die uns in Jesus begegnet. Er hat mit seinem Tod am Kreuz die Brücke gebaut. Der Weg ist gebahnt. Die Leiter versinnbildlicht den freien Zugang. Nicht die Strafe bringt die Wende. Nicht das Gericht prügelt uns zum Ziel. Die Liebe Gotte treibt uns um – weg von den Götzen – hin zu IHM. Seine Liebe bahnt uns den Weg. „Weißt du nicht, dass Gottes Liebe dich zur Umkehr treibt?“

Überraschung Nr.4:  Nun müssen wir den Jakob betrachten. Wie reagiert er auf Gottes Güte? Der Traum machte ihm Angst. Er erwachte und sagte: “Wie furchtbar ist diese Stätte.“

Ist das nicht höchst verwunderlich? Gott sagt ihm nur Gutes. Gott zeigte ihm nur Herrlichkeit. Und in der Wahrnehmung des Jakob ist die Botschaft Gottes etwas Schreckliches. Gott lies sein ganzes Herz sprechen und der Jakob empfindet das Evangelium als Gericht.

Warum ist das so? Es gab in seinem Leben Dinge, die nicht in den Himmel passten. Wie soll ein Mensch in den Himmel kommen, wenn er an Dingen festhält, die nicht in den Himmel gehören. Automatisch wird er die Dinge falsch sehen und verstehen. Die Sünde macht unser geistliches Wahrnehmungsvermögen kaputt.

Nicht der Himmel macht dem Jakob Angst, sondern die Dinge, die er noch festhält. Gott droht doch nicht mit dem Himmel. Seiner Bestimmung verlustig zu gehen, das Ziel aus den Augen zu verlieren, dass macht den Menschen im tiefsten Angst.

Der Himmel ist ein Ort unendlicher Schönheit. In unserer Muttersprache sind noch viele Reste von diesem Wissen aufgehoben. Wir sprechen von „himmlischer Schönheit“, von „herrlichem Glanz“, von „vollendeter Reinheit“. Der Himmel, das ist für uns das Höchstmaß an Gutem und Schönem. Der Himmel, das ist für uns Geborgenheit. Dort erwartet unsere Seele Frieden. Träumen wir nur davon  - oder gibt es den Himmel wirklich?

Über dieser Frage finden wir Menschen keine Ruhe, bis wir die Antwort gefunden haben. Wenn das so ist, dass die Sünde unser geistliches Wahrnehmungsvermögen zerstört, dann sollten wir uns fragen, was uns hindert, die Leiter zu benutzen. Nicht da, wo unser Verstand aufhört, sondern da wo unser Trotz, unser Widerspruch gegen Gott aufhört, beginnt sich uns der Himmel zu erschließen. 

Eine überraschende Wende erlebt der Jakob. 5.  Er findet Zugang. Er sagt; „Hier ist die Pforte des Himmels“. In allem Ringen, in allem Auf und Ab unseres Lebens, in allem Hin und Her,  möge uns das geschenkt sein, dass wir den Zugang zu dieser Gnade finden. Zweifel und Versagen können nicht das Letzte sein.

Jeder wird es anders erleben. Aber wichtig bleibt, dass wir den Zugang zum Glauben finden. Und dann, wenn wir Zugang gefunden haben, gilt es, den Weg weiter zu gehen. Das Leben des Jakob war mit dem Traum von der Himmelsleiter nicht zu Ende. Und seine Glaubenserziehung war nicht mit der Erkenntnis: „Hier ist die Pforte des Himmels“ abgeschlossen.

Der Traum von der Himmelsleiter sollte für ihn zur Realität des Glaubens werden. Er musste Schritte auf diesem Weg mit Gott  zu Gott gehen.

Und das müssen wir auch. Der Himmel will kein Traum in unserem Leben bleiben, sondern der Ort, wo wir sein sollen – mit Jesus Christus.

 

Amen

 




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