Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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15. Sonntag nach Trinitatis

Text: 2. Mose 20,1-6

1 Und Gott redete alle diese Worte:

2 Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.

3 Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.

4 Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist:

5 Bete sie nicht an und diene ihnen nicht! Denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifernder Gott, der die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied an den Kindern derer, die mich hassen,

6 aber Barmherzigkeit erweist an vielen tausenden, die mich lieben und meine Gebote halten.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Man kann es dem Mose nicht verdenken, dass er eines Tages Gott gegenüber diese Bitte äußerte: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen“

Am brennenden Dornbusch hatte er diesen Gott nicht gesehen. Als Gott ihn ansprach, berief und beauftragte, hatte er ihn nicht zu Gesicht bekommen. Er sah nur einen brennenden Dornbusch, der jedoch nicht von den Flammen verzehrt wurde und er hörte eine Stimme, die ihn direkt ansprach. Er hörte seinen Namen und wusste, dass er gemeint war. Das Feuer hatte ihn neugierig gemacht, der Klang seines Namens hatte ihn hörbereit werden lassen.

Gott sprach zu ihm und daraufhin handelte Mose in seinem Namen und Auftrag. Und dabei erwies sich dieser Gott als Realität, als machtvoll, als weise, als lebenserfahren und weitblickend. Im Tun des Gehörten merkte Mose, dass es keine Spinnerei und keine Einbildung war, was er da erlebt hatte.

Da war ein Gegenüber in das Leben des Mose gekommen, dessen er sich nicht mehr entziehen und verweigern wollte.  Aber gesehen hat er Gott nicht. Er konnte niemandem sagen, wie dieser Gott aussieht. Gerade das aber war zu jener Zeit wichtig. Alle Völker ringsum hatten Götter, die man sehen konnte. Eine Götterstatue war geradezu der Wahrheitsbeweis für die Existenz eines Gottes. Und eigentlich ist das doch auch der ureigene Drang von uns Menschen, dass wir den, mit dem wir es zu tun haben, der unser Leben prägt und bestimmt, zu Gesicht bekommen wollen. Wir wollen doch mit dem, der uns etwas zu sagen hat, auf Augenhöhe stehen.

Später geschah im Leben des Mose immer wieder das Gleiche. Gott sprach zu Mose. Mose ließ sich auf das ein, was Gott ihm sagte. Immer, indem Mose Gottes Wort in die Tat umsetzte, geschah das Richtige. Immer aufs Neue merkte Mose, dass Gottes Wort gut war für ihn und sein Volk. Gottes Wort brachte Freiheit und Leben.

So gelang die Flucht aus Ägypten.

So überstanden sie die Tage in der Wüste.

Immer wieder ging es auf wunderbare Weise weiter.

Und dann begann Gott die Beziehung zwischen ihm und dem Volk zu ordnen. Gott zeigte dem Mose, wie er das heilige Zelt gestalten und bauen sollte. Der Gottesdienst in Israel begann Strukturen und Formen anzunehmen.

Und wieder gab es dabei eine tiefsinnige Entsprechung. Das Heilige Zelt war so eingerichtet, dass darin nichts - aber auch gar nichts - der Anschaubarkeit Gottes diente. Nirgends war dieser Gott dargestellt. Alle Geräte des Heiligtums waren nur Hinweise auf Gott. In allem kam Gott nur indirekt vor.

Im wichtigsten Raum der Stiftshütte, im Allerheiligsten stand nur die Bundeslade mit dem 10er-Wort. Dieser Raum war zu nichts anderem vorgesehen, als das hier Gott mit dem Hohenpriester spricht.

Auch später, als das Volk sesshaft geworden war und als aus der Stiftshütte der Tempel geworden war, änderte sich nichts an dieser Grundidee. Der Tempel war der Ort der Nichtdarstellung Gottes. Die Gestaltung des Tempels trug dieser Überzeugung Rechnung, dass man den Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat, nicht darstellen kann und darf.

Heutzutage gibt es virtuelle Darstellungen von Gebäuden aus längst vergangenen Zeiten. Computer-Experten gestalten aufgrund von archäologischen Funden alte Tempel und Paläste nach. Virtuell kann man dann durch die Räume gehen. Es ist als ob man in alte Zeit versetzt durch diese Räume geht und annähernd denselben Raumeindruck hat, wie damals. Wenn wir so den Weg eines Hohenpriesters nachgehen würden und ins Allerheiligste kämen, würden wir dort einen großen Raum wahrnehmen, indem nichts außer der Bundeslade zu sehen ist.

Das war bis dahin einmalig in der gesamten Religionsgeschichte. Die anderen Völker hatten immer im zentralen Raum ihrer Tempel große, schöne Götterfiguren. Ihre Götter waren zu bestaunen. Sie drückten Macht und Reichtum aus. Jedoch ging von ihnen kein Wort aus.

Aber der Gott Israel war nur zu hören – nicht aber zu sehen. Bezeichnender Weise nannte man das Heiligtum (1. Könige 6) „debir“ – von „dabar“ abgeleitet = Wort. Das war für die Israeliten der Grundgedanke des Tempels. Hier soll der Ort sein, wo es zu einem Zwiegespräch zwischen Gott und Mensch kommt.

Gehen wird gedanklich noch einmal an den Berg Sinai zurück.

Das Volk Israel hatte viele Jahre Knechtschaft hinter sich. Gegen den Widerstand des ägyptischen Pharaos hatte Gott sein Volk wunderbar aus Ägypten herausgeführt und durch die Wüste zum Berg Sinai gebracht.

Gott hatte seinem Volk auch gesagt, warum er das getan hat. In 2. Mose 19,4 lesen wir: „Ihr habt gesehen, was ich mit den Ägyptern getan habe und wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht.“

Das war die Situation! Das Volk in der Wüste, am Berg Sinai, war allein mit Gott. Wenn alles Äußere abfällt, tritt das Eigentliche zu Tage. Gott wollte, dass sein Volk bei Ihm ist.

So ist es auch mit uns. Wenn das, was uns auf Trapp hält, einmal zum Schweigen kommt, hören wir, wozu wir da sind. Gott will uns bei sich haben. In allem was in unserem Leben geschieht  will Gott uns zu sich bringen!

Und dann geschah etwas am Sinai, was bis heute die Geschichte der Menschheit prägt und immer aufs Neue herausfordert. An diesem Berg kommt es zu einer Gottesoffenbarung und zum Bundesschluss Gottes mit Israel.  In gewaltigen Begleitzeichen offenbart sich Gott. Im Donner und Blitz, im Ton der Posaune und im Rauchen des Berges spricht Gott. Der Höhepunkt der Wüstenwanderung ist erreicht. Gott gibt dem Mose das 10-Wort.

Mit diesen 10 Geboten will Gott sein Volk nicht unterdrücken oder in eine neue Gefangenschaft führen. Es sind eigentlich 10 Freiheiten gegen das Böse in uns und zwischen uns. Sie sind die Tür zum Leben – d.h., wenn wir Menschen uns danach richten, wird es gut mit uns und zwischen uns.

Die 10 Gebote sind genial. Die 10 Gebote enthalten im hebräischen Text 273 Wörter, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung besteht aus 300 Wörtern. Die Verordnung der EU über den Import von Karamellbonbons hat exakt 25.911 Wörter.

Bis heute sind die 10 Gebote nicht überholt. In den USA ist es üblich, dass am Anfang einer Wahl eine Rede gehalten wird.

Als Senator Joe Wright gebeten wurde, am 23. Januar 1996 in

Topeka, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Kansas, die neue

Wahlperiode des Senats zu eröffnen, erwarteten alle Teilnehmer die üblichen Allgemeinsätze.  Sie hörten jedoch folgendes

Gebet:

„Himmlischer Vater, wir treten heute vor dich und bitten um

Vergebung und suchen deine Weisung und Führung. Wir wissen, dass dein Wort sagt: „Wehe denen, die Böses gut nennen“, aber genau das haben wir getan.

Wir haben unser geistliches Gleichgewicht verloren und unsere

Werte verdreht.

Wir bekennen das:

Wir haben die absolute Wahrheit deines Wortes lächerlich

gemacht und das Pluralismus genannt.

Wir haben andere Götter angebetet und das Multikultur

genannt.

Wir haben Perversion gut geheißen und das alternativen

Lebensstil genannt.

Wir haben die Armen ausgebeutet und das ihr Los genannt.

Wir haben unsere Ungeborenen getötet und das Selbstbestimmung genannt.

Wir haben Menschen, die Abtreibung vornahmen, entschuldigt

und das Recht genannt.

Wir haben es vernachlässigt, unseren Kindern Disziplin beizubringen, und das Selbstachtung genannt.

Wir haben Macht missbraucht und das Politik genannt.

Wir haben den Besitz unseres Nachbarn beneidet und das

Strebsamkeit genannt.

Wir haben den Äther mit Pornografie und weltlichen Dingen

verschmutzt und das Pressefreiheit genannt.

Wir haben die Werte unserer Vorväter belächelt und das

Aufklärung genannt.

Erforsche uns, o Herr, und erkenne heute unser Herz, reinige

uns von allen Sünden und mache uns frei davon. Führe und

segne Männer und Frauen, die gesandt sind, um uns in das

Zentrum deines Willens zu führen, dass wir offen danach fragen im Namen deines Sohnes, des lebendigen Erlösers, Jesus

Christus.“

Erkennen wir darin die 10 Gebote wieder? Die 10 Gebote sind Spielregeln des Lebens. Ohne Spielregeln geht es nicht. Jeder Verein hat seine Vereinssatzung. Im Straßenverkehr gilt die Verkehrsordnung. In der Schule, am Arbeitsplatz, in den Familien müssen einige Grundvereinbarungen gelten. Nicht immer gefallen sie uns. Aber ganz ohne geht es nicht. Das Chaos wäre sonst vorprogrammiert.

Auch Gott hat seinem Volk auf dem Weg in die Freiheit solche Spielregeln mitgegeben. Richten wir uns danach, werden wir gut miteinander leben. In diesem Sinne sind die 10 Gebote Gottes Geschenk an die Menschheit.

Kommen wir noch einmal auf das Geschehen am Sinai zurück. Gott hat sein Volk zu sich gebracht. In diesen Rahmen gehören die 10 Gebote.  Gott wollte nicht, dass sich die Gebote verselbständigen und als eine Art ehernes Gesetz walten. Schon gar nicht wollte Gott damit die Menschen testen – in dem Sinne, dass sie sich bei Gott etwas verdienen, wenn sie die Gebote halten. Mit den 10 Geboten will Gott uns Menschen die Spielregeln des Lebens  an die Hand geben, dass wir so gut auf seiner Erde leben. Sie sind Ausdruck seiner Liebe. Und sie sollen eingebettet sein in die Beziehung des Volkes Israel und darüber hinaus seiner Menschen zu IHM!

Gott hatte dort am Sinai nicht nur den Bund mit Israel geschlossen und seinem Volk das 10-Wort gegeben. Er hat dort auch begonnen, die Beziehung zwischen sich und dem Volk zu festigen und zu ordnen, indem er dem Mose auftrug, das heilige Zelt zu bauen. Damit verbunden war der regelmäßige Gottesdienst. Und damit verbunden war die anhaltende und dauerhafte Beziehung zwischen dem Volk und Gott.

Wie ist das nun? Brauchen wir für eine Beziehung zu Gott nur sein Wort? Ist daneben nichts Anschauliches vonnöten, was uns Gott vor Augen stellt oder an Ihn erinnert?

Wir hatten ja am Anfang von unserem menschlichen Bedürfnis gehört, unser Gegenüber zu sehen. Und wir hatten von der Bitte des Mose zu Gott gehört als er zu ihm sprach: „Lass mich deine Herrlichkeit sehen!“

Darf man nichts in dieser Welt gestalten, was mit Gott zu tun hat? Schon das 2. Gebot könnte in diese Richtung weisen: „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“

Die Sache ist differenzierter. Gott und seine Welt kann man nicht darstellen. Das wir Menschen aber Symbole und Hinweise in der sichtbaren Welt brauchen, die uns auf Gott und seine Welt hinweisen, ist m.E. schöpfungsmäßig begründet.

Eigentlich ist schon die Tatsache Antwort genug, dass es in Israel einen Tempel gab und sich das Volk dazu gute Handwerker mit den besten Materialien leistete. Gott selbst kann man nicht darstellen – aber das, was auf IHN hinweist und zu IHM hinführt, müssen wir Menschen so gut wir es können, gestalten und ausführen.

Auch unsere gesamte christliche Tradition spricht dafür Bände. Die Gemeinde Jesu hat immer wieder  - ihrer Zeit entsprechenden - Gestaltungsmöglichkeiten gesucht, die auf Gott hinweisen.

 

Eindrücklich waren mir bei einer Gemeindereise nach Armenien in diesem Jahr die alten Kreuzkuppelkirchen im Lande am Ararat. Seit dem 4. Jahrhundert baut man dort Kirchen mit einem quadratischen Grundriss. Der eigentliche Baukörper ist ein gleichschenkliches Kreuz. Über der Vierung sitzt ein Turm, dessen Kuppel den Himmel symbolisiert. Oben der Himmel – unten die Erde – und dazwischen das Kreuz. Das Kreuz verbindet den Himmel mit der Erde. Und die Gemeinde feiert in diesem Kreuz ihren Gottesdienst.

Ein anderes eindrückliches Symbol war mir der offene Vorhang vor dem Altarraum. Viel später erst zimmerte man dann in Byzanz an dieser Stelle die Ikonostase. Die Armenier beließen es bei einem Vorhang, den man nur in der Fastenzeit und während der Wandlung zuzieht. Der offene Vorhang erinnert an den zerrissenen Vorhang im Tempel beim Tod Jesu am Kreuz.

So werden uns bis heute ausdrucksstarke Symbole begegnen, die uns Dinge des Glaubens ausgedrücken. Gott selbst bleibt der Unsichtbare. Aber das, was wir als Glaubende in unserer Welt wahrnehmen, soll uns ansprechen, soll uns  auf IHN hinweisen, soll IHN bezeugen.

Symbole, Kunst, Architektur, Zeichen – kurzum Dinge in der Außenwelt können zwei oder mehrdeutig sein und bleiben. Darum hat Gott zu Menschen gesprochen. Darum gab er uns sein gutes Wort. Und darum gilt für uns: „Höre des Herrn Wort und tue es!“ Wer des Herren Wort wagt, wird erleben, was Mose erfuhr.

 

Amen

 




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