Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Erntedank 2007

Liebe Gemeinde!

 

Elf Mühlen standen einst auf Crottendorfer Fluren. Sie klapperten und brachten den Menschen Hilfe und Wohlstand. Die Wasserkraft der Zschopau erleichterte den Crottendorfern die Arbeit. Holz wurde gesägt, Getreide gemahlen, Öl gewonnen und Papier hergestellt. Längst ist nicht mehr „das Klappern der Mühlen am rauschenden Bach“ zu vernehmen. Die Menschen haben andere Energiequellen gefunden und nutzbar gemacht. 

Heute, da wir Menschen merken, dass Energiereservoire wie Kohle und Öl knapper werden oder unseren Lebensraum vergiften und zu dem immer teuerer werden, suchen wir wieder nach erneuerbaren Energien und nach solchen, die uns die Natur einfach so bietet.

Dieses Bild vom Fluss, der Lebensgrundlage und Kraftquelle für die Menschen ist, wurde mir zu einem Bild für den Glauben. Da fließt in unserer Welt ein breiter Strom des Glaubens und der Gnade Gottes. Immer können wir Menschen daraus schöpfen und unsere manchmal dürre Lebensaue damit bewässern. Immer können wir von dort Kraft in unser Leben holen. So kann in unserem Leben etwas fruchtbar werden und wachsen.

Um eine wichtige Wahrheit unseres Glaubens, die uns da zuströmt und aus der wir Sinn und Kraft schöpfen dürfen, geht es heute zum Erntedankfest: um das Danken. Dankbar müssten wir aus dem Strom der Gnade schöpfen.

Eigentlich ist diese Wahrheit das ganze Jahr über gültig. Dank bringt Leben ins Leben. Der Dank ist wie ein Wasserrad, das in den Strom des Lebens eintaucht und unser Leben bewässert, uns Kraft schenkt und das Leben als Leben erhält. Heute machen wir es uns bewusst. Die vielen schönen Erntedankgaben rings um den Altar bringen es zum Ausdruck. Nicht zu übersehen sind heute die Gaben des Dankes. Sie machen uns bewusst, dass es viel Grund zum Dank gibt. Wir sagen damit: „Gott sei Dank – Du schenkst uns alles, was wir zum Leben brauchen – und das ist nicht selbstverständlich.“

Martin Luther hat in der Erklärung zum 1. Artikel aufgezählt, wofür wir alles Gott in unserem Leben danken müssten. Es sind die einfachsten und selbstverständlichsten Dinge. Aber gerade sie gilt es wieder neu zu entdecken. Gehen wir also zu Luther in eine kleine Schule des Dankens:

„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen

Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle

Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält;

dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof,

Frau und Kinder, Acker, Vieh und alle Güter;

mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt;

und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.“

Martin Luther hat in dieser Erklärung die Vatergüte Gottes in den Mittelpunkt gerückt. Sie wollen erklären, was es bedeutet, wenn wir als Gemeinde sagen: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erden.“

Hören wir dazu einen Satz aus dem Prophetenbuch des Jesaja 63,16 „Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, HERR, bist unser Vater; »Unser Erlöser«, das ist von alters her dein Name.“

Es mag verwundern, dass dieser Satz im Alten Testament steht. Sehr sparsam geht das Alte Testament mit der Anrede Gottes als Vater um. Vom „Gott der Väter“ ist des öfteren die Rede – aber das ist ja etwas anderes. Gott selbst  als Vater zu sehen und zu verstehen, das ist im Alten Testament selten anzutreffen. Keusch ging das Volk Israel in der Anrede Gottes mit dem Vater-Titel um. Für Israel war Gott der mächtige Gott, der Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat. Für Israel war Gott der heilige Gott, der am Sinai gesprochen hat und im Feuer den Bund schloss.  Für Israel war Gott der Gott der Väter – der Gott, der zu den Vätern gesprochen und sie erwählt hat. Aber dieses persönliche, familiäre ja liebevolle Verhältnis, das in dem Wort „Vater“ anklingt, ist in Bezug auf Gott im Alten Testament nur an ganz wenigen Stellen anzutreffen. Immerhin, diese Töne sind schon hörbar.

Bei Jesus rückt dann dieses Verständnis, dass Gott unser Vater ist, ganz in den Mittelpunkt. Jesus hat sozusagen dieses Wissen aus der ewigen Welt mitgebracht. Er hatte seit eh und je eine Vaterbeziehung zu Gott. Und darum konnte er auf Erden Gott nicht anders als Vater ansprechen. Er hat IHN uns als Vater geoffenbart. Er hat in dieser Vater-Beziehung gelebt. Und es war sein innerstes Anliegen, dass wir in diese Vaterbeziehung finden: Gott unser Vater.

Was könnte das für uns bedeuten, wenn wir uns zu Gott als Vater bekennen, ihn als unseren Vater ansprechen und mit Gott dem Vater leben? Ich möchte den Bogen vom Sinn und Inhalt des Erntedankfestes (als Tag des Dankes) über die Erinnerung Luthers (wofür wir alles danken müssten) hin zum 1. Gedanken des Glaubensbekenntnisses (Ich glaube an den Vater) schlagen.

Ein fünffacher Dank an Gott, den Vater.

Dieser fünffache Dank ergibt sich aus der Überlegung dessen, was ich mir unter einem guten Vater vorstelle und wünsche. In allem sehe ich das, was wir menschlichen Väter leisten oder erfüllen können, in Gott dem Vater weit, weit übertroffen. Aber indem Gott wie ein guter menschlicher Vater ist, können wir erahnen oder ablesen, wie Gott der Vater ist.

1. Mein Vater stand am Anfang meines Lebens. Er zeugte mit meiner Mutter mein Leben. Zeugung und Geburt sind die Anfangsgeheimnisse meines Lebens. Das bedeutet: Ich verdanke mich nicht mir selbst. Ich habe mich nicht wollt. Ich bin da in dieser Welt, weil andere mich gewollt haben.

Nicht alle Kinder dieser Welt sind gewollt. Von meinen Eltern weiß ich, dass ich ihr Wunschkind war. Mein Vater kam spät aus dem Krieg und der Gefangenschaft. Der Krieg hat ihm die Jugend geraubt. Die Sehnsucht nach Ehe und Familie war groß.

Wie gut und wichtig ist es für ein Menschenkind zu wissen, dass es gewollt und geliebt ist.

Die Bibel hängt diese notwendige Gewissheit unseres Lebens noch etwas höher. Der menschliche Festpunkt des Gewollt-Seins und des Geliebt-Werdens kann halten, was er verspricht – muss es aber nicht und versagt in vielen Fällen. Darum nimmt die Bibel unser inneres Blickvermögen mit und zeigt uns den ersten und letztmöglichen Anhaltspunkt des Lebens, unseres Lebens. Er ist Gott, der an allem Anfang steht und auch am Anfang meines und deines Lebens stand. Er hat uns gewollt und von allem Anfang an geliebt. Er ist der Schöpfer dieser Welt und auch deines und meines Lebens. Wir haben einen göttlichen Festpunkt des Gewollt-Seins und des Geliebt-Werdens.

Darum meine ich, wenn die Bibel auf ihren ersten Seiten vom Schöpfer allen Lebens spricht, denkt sie indirekt dabei auch schon an Gott unserem Vater. Hier jedoch in radikaler Weise. Am Anfang meines menschlichen Lebens standen zwei – mein Vater und meine Mutter. Am Anfang allen Lebens stand nur einer - Gott. Und über den Anfang der menschlichen  Zeugung steht wiederum nur einer - Gott, unser Vater. Jeder, der sich als „im Leben stehend“ begreift, kann dies nur, wenn er zugleich darum weiß, dass sein Leben gezeugt wurde. Am radikal ersten Anfang eines jeden Lebens steht Gott – der Vater. Darum schreibt der Apostel Paulus über  Gott: „Er sei der rechte Vater über alles, was da Kinder heißt im Himmel und auf Erden.“ (Eph 3,15)

Darum geht unser erster Dank heute an Gott unseren Vater, der unser Leben gewollt und uns erschaffen hat.

2. Mein Vater hat mich versorgt und ernährt. Meine Eltern haben mich gut versorgt. Sie haben viel gearbeitet, sodass meine Schwester und ich eine schöne Kindheit hatten und eine gute Ausbildung bekamen. Es ist offensichtlich – jeder Mensch kommt nicht ohne andere Menschen über die ersten Jahre seines Lebens hinweg. Wir alle hatten Menschen, die uns versorgt haben. Manchmal vergessen wir das. Und manchmal leben wir in dem Wahn, dass das, was wir geschaffen und erreicht haben, nur unserem eigenen Fleiß und unserer Tüchtigkeit zu verdanken wäre. Es gilt weiterhin – ohne andere könnten wir nicht leben.

Jemand hat einmal schlitzohrigerweise gesagt. „Gott ist  der Ernährer aller Menschen und Staat ihr Unternährer.“ Die Doppeldeutigkeit dieses Satzes ist gewollt. Er besagt zum einem, dass wir Menschen manchmal unsere Aufgabe schlecht versehen. Dann nämlich, wenn es einem Volk schlecht geht, hat eine Regierung miserabel gearbeitet.

Hinter diesem Satz steht aber auch das Wissen, dass über der Ernähungsaufgabe einer Regierung Gott steht. Gott ernährt uns Menschen. Und wenn Menschen nicht in sein Werk pfuschen, dann kommt nur Gutes bei uns an.

Das soll uns heute wieder neu ins  Bewusstsein rücken. Gott versorgt uns. Gott kümmert sich darum, dass wir zu essen und zu trinken haben, dass wir Kleidung und Bildung haben, dass wir Wohnung und Heimat haben. Denken wir an alle diese Dinge, die Luther aufgezählt hat. 

Es ist wieder wie bei Punkt 1 unserer Überlegungen. Hinter und über allem menschlichen Tun und Handeln steht Gott. Dabei berufe ich mich nicht auf die Lücken dessen, was unsere Wissenschaftler erforscht und unsere Techniker erfolgreich zu Wege gebracht haben. Auch wenn wir die Menschheit 100%ig gut versorgen könnten (und der Afrika-Gipfel in diesem Jahr zeigte, dass wir noch meilenweit davon entfernt sind) - steht Gott hinter und über dem, was Menschen gelingt. Wir können bestenfalls das weitergeben, was er uns gibt und schlimmstenfalls das verderben, was er schenkt.

Er versorgt mich und mein Leben, das meiner Familie, das unserer Gemeinde, das der Menschen in unserem Dorf, in unserem Land in unserer Welt. Dafür dürfen wir Ihm von Herzen danken. Ich sage oft in meinen Gebeten: „Wir danken dir Gott, dass es uns so gut geht.“

3. Mein Vater und meine Mutter haben mich erzogen und geführt.  Als ich klein war und noch nicht laufen konnte, war dies im buchstäblichen Sinne der Fall  – und später im übertragnen Sinne. Jeder Mensch braucht Erziehung und Führung. Wir kommen nicht auf die Welt und wissen automatisch wo es lang geht.

Auch wenn wir erwachsen geworden sind brauchen wir Führung und Erziehung. Führung und Erziehung kann man selbst nicht leisten. Immer brauchen wir andere, die uns erziehen und führen. Und auch wenn man 60-70 Jahre seines Lebens schon hinter sich hat, gibt es immer noch Dinge, die man lernen muss. Die Menschen, mit denen ich zusammengestellt bin, erziehen mich. Und durch die Dinge, die mir widerfahren, wird mein Leben geformt und werde ich geführt.

Darin jedoch keinen blinden Zufall zu sehen oder Menschen die Schuld zu geben, die planmäßig oder sinnlos in mein Leben eingreifen, sondern hinter allem Gott zu sehen, der mich erzieht und führt, dass ist eine großartige Erkenntnis im Leben. Und darum geht unser 3. Dank an Gott, den Vater, der uns führt und erzieht.

4. Mein Vater – meine Mutter natürlich auch – haben mich beschützt und bewahrt. Da besonders, als mein Leben noch klein, schwach und zart war! Dort vor allem bedurfte es der Umsicht meiner  Eltern. Nur zu schnell vergisst man, dass dies eine Wirklichkeit ist, die man immer im Leben braucht. Wir brauchen eine schützende Hand über uns.

Ich bin dankbar, dass wir unsere eigenen Kinder von allem Anfang so gut wir es konnten, beschützt haben und zugleich auf die schützende Hand Gottes hinweisen durften. Wir haben es durch eine einfache Geste praktiziert. Am Abend vor der Nacht haben wir unsere Kinder gesegnet. Und die Kinder haben instinktiv gewusst, da, wo die schützende Hand der Eltern nicht hinreicht – da reicht die gute Hand Gottes hin. Und es hat bis heute sehr viel mit diesem Blick auf Gott zu tun, wenn ich vor dem Antritt einer Autofahrt bete: „Herr gib, dass ich niemandem schade und das uns niemand Schaden zufügt.“ Gott, unser wunderbarer Vater beschützt und bewahrt uns. Dafür sollen wir Ihm danken.

5. Kinder bleiben zeitlebens die Kinder der Eltern. Der Vater bleibt der Vater. Die Mutter bleibt die Mutter. Wie traurig, wenn Kinder ihre Eltern nur als Erzeuger und Ernährer behandeln. Oder wie traurig, wenn Eltern nicht verstehen wollen, dass ihre Kinder nicht mehr klein sind, sondern zum Gegenüber wurden. Die Beziehungen wandeln sich im Leben und sie müssen in jeder Lebensphase neu verstanden und mit Leben erfüllt werden. Aber die Beziehung muss bleiben. Das Gebot sagt: „Du sollst Vater und Mutter ehren, solange du lebst auf Erden.“

Die Beziehung der Kinder zu den Eltern ist zeitlich begrenzt. Die Schrift sagt: PS 27,10 „Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, aber der HERR nimmt mich auf.“ Das „aber“ in diesem Bibelwort ist wichtig. Es weist von der menschlichen Beziehungsebene hin auf Gott.

Die Vaterschaft Gottes ist und bleibt zeitlich unbegrenzt. Darum sollen wir täglich die Beziehung mit unserem Vater im Himmel suchen und pflegen. Alle menschlichen Beziehungen werden eines Tages in unserem Leben enden – dann brauchen wir eine Beziehung, die wir pflegten und die weitergeführt wird. Wer im Leben nicht beten gelernt hat, wird im Sterben einsam sein.

Eine jener Kontaktaufnahmen könnte sein, das wir das Gebet von Herzen beten, dass Jesus seinen Jüngern gegeben hat. Und dazu möchte ich euch jetzt einladen:

Unser Vater im Himmel ...

Danke, dass Du unser Vater bist und wir durch Dich und mit Dir leben dürfen. Und der Friede Gottes…

 




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