Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
Logo
Logo  Kontakt | Links | Impressum   


  Folge uns auf Facebook
 

Ewigkeitssonntag 2007

Text: Mark 13,31-37

31 Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. 32 Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater. 33 Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. 34 Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen: 35 so wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, 36 damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. 37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!

 

Liebe Gemeinde!

 

Auf die beiden Grabsteine im Bogen unseres Altarraumes will ich uns aufmerksam machen. Was haben diese Epitaphe dort zu suchen? Ist eine Kirche nicht vielmehr ein Ort der Feier als der Trauer?  Ist sie nicht vielmehr ein Ort des Lebens als des Todes? Wir feiern in der Kirche mit unserem auferstandenen Herrn das Geheimnis des Glaubens. Gerade weil Jesus Christus den Tod überwunden hat, dürfen wir Gott unseren Vater loben. Durch das Kreuz und durch seine Auferstehung ist der Weg zu IHM frei. Wir dürfen mit IHM, dem himmlischen Vater, feiern und fröhlich sein, uns neue Kraft für den Alltag schenken lassen, uns an seinem Wort orientieren und Gemeinschaft erleben – mit IHM und untereinander. Was haben da diese Grabsteine zu suchen? Erinnern sie uns nicht an den Tod, an Leid, an Not? Das wohl auch. Ich denke mir jedoch, diese Grabsteine wollen den Glauben in unser Leben einbinden.

Wir leben mitten in dieser Welt – wie alle anderen Menschen auch. Wir leben jenseits von Eden – in einer gefallenen Schöpfung – wie alle anderen auch. Und unsere Frage ist die Frage aller Menschen – sie lautet: Wie kann man angesichts der begrenzten Zeit, angesichts des Todes, erfüllt leben, sich über Schönheit freuen und sich dessen gewiss werden, das nicht alles sinnlos ist? Und könnte dabei nicht der Glaube (das Vertrauen auf das, was Gott versprochen hat) eine entscheidende Rolle spielen?  Das fragen uns stumm diese Grabsteine da im Altarraum. Und darum haben sie dort eine wichtige Funktion.

Diese beiden Grabsteine standen vor fast 300 Jahren an Gräbern auf unserem Friedhof und wurden später hier in der Kirche so aufgestellt, dass sie ins Auge stechen. Das muss seinen Grund haben. Sicher ist die Ursache nicht nur darin zu sehen, dass diese Steine kunstvoll und aufwendig gestaltet wurden. Sie haben wohl viel gekostet und sind Zeugnis einer guten Steinmetzenarbeit. Aber es ist vor allem die Geschichte, die sie uns erzählen, die sie so wichtig werden lassen.

Der eine Grabstein unterhalb der Kanzel, stand einst am Grab von Juliane Vogelgesang. Sie war die Frau des damaligen Pfarrers. 9 Kindern schenkte sie das Leben. Sie hatte wohl ein schweres Leben. An 7 Gräbern ihrer eigenen Kinder musste sie stehen. Der schwerste Schicksalsschlag war wohl der Tod ihrer ältesten Tochter.

Ihr Grabstein wurde auf der gegenüberliegenden Seite angebracht. Katharine Vogelgesang wollte am 13. Juli 1734 heiraten, verstarb aber 6 Wochen vorher plötzlich. Das brach wohl der Mutter das Herz, sodass sie 18 Tage nach dem Tod ihrer Tochter ebenfalls verstarb.  39 Jahre ist sie nur alt geworden. Schwer, unerklärbar und rätselhaft ist das Schicksal mancher Menschen.

Wenn ein Mensch jung oder auf tragische Weise ums Leben kommt, wühlt das auf. Es fragt uns an. Aber auch wenn ein Mensch alt und lebenssatt heimgeht, ist es niemals leicht. Nie ist  der Tod „von ohne“. Immer ist und bleibt der Tod eines Menschen eine Provokation. Der Tod eines Menschen - an sich - mahnt uns an und erinnert uns an unser eigenes Sterben. In diesem Sinne sprechen die Steine im Altarraum von unserer Vergänglichkeit. Mehr denn je ist dies uns heute bewusst.

Heute zum Ewigkeitssonntag gedenken wir als Gemeinde derer, die Gott im zurückliegenden Kirchenjahr aus unserer Mitte heimgerufen hat. Wir hören noch einmal ihre Namen. Und dabei stehen in uns Erinnerungen auf. Manche haben wir gut gekannt. Andere Namen werden uns weniger sagen. Manche Namen schmerzen und berühren uns. Andere verklingen.

Natürlich, der Name der nächsten Angehörigen sagt uns am meisten und der Klang ihres Namens berührt uns mehr.

Wenn man einen Menschen, der an unserer Seite gelebt hat und den man liebte, verliert – und

wenn ein Mensch, der einem viel wert war und mit dem man die Zeit seines Lebens geteilt hat, plötzlich nicht mehr da ist – und

wenn man einen Menschen, der zum Du (zum Du, durch das man sein Ich begriff) wurde, loslassen muss -

dann ist Gravierendes im Leben geschehen. Es ist wie das Vorletzte, das uns auf das Letzte hinweist.

Oft entsteht dann eine Leere neben oder sogar in uns. Ein Platz bleibt frei. Eine Kontaktfläche unseres Herzens ist offen. Der Verlust schmerzt. Es ist wie eine Wunde. Und plötzlich merken wir, dass wir eine Seele haben, die auf Verwundungen ebenso reagiert, wie der Körper.

Was geschieht durch so ein einschneidendes Erlebnis mit uns selbst? Es ist nicht nur der Verlust, der schmerzt. Es ist auch die Erinnerung an unsere eigene Vergänglichkeit, die uns hier auf die Seele rückt.

Vielleicht ist es Ihnen ähnlich wie mir bei Hören des Predigtextes gegangen. Was Jesus hier sagt: „Himmel und Erde werden vergehen…“, knüpft gewissermaßen an dieses Wissen um unsere eigene Vergänglichkeit an und verstärkt dieses Wissen in uns. Es verschärft dieses Wissen, indem sozusagen die Linien ausgezogen werden und wir dieselbe Aussage in viel größerer Dimension gesagt bekommen. Der Himmel, die Erde, der Kosmos, alles wird einmal vergehen.

Was wir da mit Worten ausgedrückt – gleichsam an eine universelle Leinwand projiziert sehen – ist aber nichts anderes, als was wir über uns selbst schon wissen: Es wird ein Ende kommen. Nichts kann bleiben. Wir Menschen sind ein Teil des Ganzen. Das Dasein ist vorübergehend. Es sind uns in jedweder Weise Grenzen gesetzt. Und so wie Himmel und Erde vergehen werden– so sind auch wir vergänglich.

Was ist denn sicher in dieser Welt? Wer lebenserfahren ist, wird auf diese Frage antworten: „Nichts!“  Zu dieser Einsicht kommen wir, wenn wir unser eigenes Leben daraufhin befragen. Nichts hat Bestand. Immer ist alles im Wandel. Nicht einmal der, der mit beiden Beinen auf der Erde steht, kann sich sicher sein.

Aber auch wenn wir unsere Welt als Ganzes sehen, ahnen wir etwas von der Wahrheit dieses Satzes aus dem Munde Jesu: „Der Himmel und die Erde werden vergehen…“  Immer wieder stehen Menschen hilflos den Katastrophen gegenüber, die über sie hereinbrechen. Und hat man eine aufwendige Sicherheitsmaßnahme geschaffen, bricht an anderer Stelle Schicksalhaftes über die Menschheit herein.

Dabei wird uns mehr und mehr klar, dass wir selbst einen großen Teil dazu beitragen. Das Ausmaß unserer zerstörerischen Fähigkeit ist gewachsen. Es ist verrückt. Je mehr wir können, umso näher rückt das Bedrohliche. Je globaler wir handeln, desto mehr tritt unsere Vergänglichkeit zu Tage.

Können uns da solche Sätze wie dieser aus dem Munde Jesu helfen, trösten, ermutigen und Hoffnung stiften oder gar zu neuen Schritten veranlassen und zum kühnen Tun ermuntern?

„Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“

Ist dieses „aber“ angesichts der Macht des Destruktiven nicht viel zu blass und annähernd bedeutungslos? Ist diese Einrede nicht unwirklich und aberwitzig?

Überhaupt – was für ein Vergleich – was für eine Gewichtung? „Himmel und Erde“ – also das, was wir sehen, wovon wir leben, der Raum indem wir sind – das scheint uns doch dasjenige zu sein, was uns gemeinhin sicher ist, was uns Verlässlichkeit verspricht, worauf wir uns gründen.

Was hingegen bedeuten Worte? Sind sie nicht flüchtig, kurzlebig und oft so unbedeutend und unwirksam? Kann das ernstgemeint sein? Ausgerechnet Worte sollen bestehen bleiben?  Wie oft gehen Worte ins Leere - zu einem Ohr hinein und zum anderen wieder hinaus. Wie schnell verpuffen Worte, wie „Schall und Rauch“.

Und selbst wenn man Worte aufzeichnet, ist damit keine unbegrenzte Haltbarkeit garantiert. Von den schriftlichen Dokumenten vergangener Jahrhunderte und Jahrtausende existieren nur noch Fragmente. Wir wären glücklich, wenn wir ein paar mehr Papyrusfragmente oder beschriebene Tonscherben hätten.

Aber wir brauchen uns gar nichts einzubilden. Was wir auf CD´s gebrannt haben, wird nicht ein Bruchteil an Zeit halten, dem  gegenüber verglichen, was man in Urartur oder Ugarit in Keilschrift in die Steine meiselte. Und außerdem wird es in wenigen Jahren schon nicht mehr die Geräte geben, mit denen man die heute bespielten Magnetbänder abhören und die DVD´s lesen kann. Wie flüchtig sind unsere menschlichen Worte.

Es ist schon eine merkwürdige Sache, wenn Jesus hier „den Himmel und die Erde“ auf der einen Seite und „Seine Worte“ auf der anderen Seite miteinander in Beziehung setzt. Nach unserer Erfahrung jedenfalls vergehen Worte viel tausendmal schneller als Himmel und Erde.

Es wird aber noch provozierender! Das es Worte gibt, die Bestand haben, hängt nach den Aussagen Jesu nicht von dem Hörer dieser Worte ab. Es hängt nicht davon ab, ob viele diese Worte hören, oder wenige oder überhaupt keiner. Nicht die Quote macht es. Nicht in der Zustimmung oder der Ablehnung bewahrheiten sich diese Worte.

Sondern umgekehrt. Entweder haben jene Worte selbst ewigen Bestand oder eben nicht. Entweder sie haben etwas zu bedeuten, oder sie haben nichts zu bedeuten. Etwas dazwischen gibt es hier nicht.

Haben sie keinen Bestand, dann würde es überhaupt nichts bedeuten, wenn die ganze Menschheit ihnen eine ewige Bedeutung zuschreiben würde. Wenn sie aber Bestand haben, dann haben sie selbst dann Bestand, wenn ganz wenige oder auch gar keiner sich diese Worte gesagt sein lassen. „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen“

Das ist kein Satz, der nach unserer Zustimmung sucht. Das ist kein Satz aus der Werbung, wo es darum geht, dass die Ware möglichst viele Abnehmer findet. Das ist auch kein Satz aus dem Politikbarometer, wo jeder nach seiner Meinung abstimmt.

Entweder sagt diesen Satz ein Verrückter oder einer, der mehr zusagen hat als alle Menschen zusammengenommen.

Wie soll man entscheiden, ob wir hier getrost weghören können oder ob wir hier hinhören müssen? Immerhin etwas stachelt uns in diesem Satz an.

Die angesprochene Vergänglichkeit - ob nun persönlich oder in kosmischer Variante -  rührt uns allesamt an. Automatisch fragt man: Wann wird das sein?  Als ob Jesus diese automatische Frage kennen würde, sagt er: Niemand kennt diesen Augenblick im Voraus.  Nicht die Wissenschaftler, nicht die Pfarrer, nicht die Politiker, nicht die Wahrsager, nicht Jehovas Zeugen – nicht einmal die Engel – nicht einmal er selbst. Er selbst scheint damit keine Probleme gehabt zu haben. Er konnte das aushalten. Ihm war etwas anderes viel wichtiger. IHM hat das Wissen geholfen, dass Gott diesen Augenblick kennt. Und da Jesus sein Leben in die Hände Gottes gelegt hat, war ihm dies viel wichtiger. Darin war er geborgen.

Was würde es uns nützen, wenn wir wüssten, dass wir in einer Woche sterben müssten. Es würde uns mehr quälen als nützen. Aber wenn man dessen gewiss ist, das alles Schlimme, was kommen kann oder alles Teuflische, was Menschen ersinnen können, nicht mächtiger und endgültiger sein können als die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, die uns Jesus Christus ermöglicht, dann hilft uns das viel mehr.

Ich frage noch einmal: Was würde uns das Wissen über den letzten Tag helfen? Nichts. Bisher haben Menschen alles, was sie entdeckt haben, nicht nur für die Menschen, sondern auch gegen sie und damit auch gegen sich selbst angewandt. Es gehört zur Weisheit Gottes, dass manches unveröffentlicht bleibt.

Stattdessen scheint mir etwas anderes wichtig.

Jesus antwortet hier mit einem Gleichnis auf die Frage: „Wann kommt das Ende?“ (unser Ende, das Ende der Welt)  Und in diesem Gleichnis geschieht unmerklich eine Verschiebung. Unser Blick wird weggelenkt von einem einschneidenden Ereignis mit all seinen Begleiterscheinungen  hin zum Kommen einer Person. Es ist nicht die Katastrophe, die auf uns zukommt. Er, Jesus Christus, kommt wieder. Jesus spricht in diesem Gleichnis von dem Hausherrn, der zurückkommt. Wir Christen warten nicht auf den Untergang der Welt und auch nicht auf unser Ausgelöscht-Werden. Wir warten auf Jesus Christus.

Bischof Huber hat einmal gesagt: „Barmherzigkeit hält länger als Furcht, Güte trägt weiter als Drohung, Gnade ist stabiler als Anklage. Im Kern wollen Jesu Worte nicht Angst vor der Zukunft wecken oder Schrecken verbreiten, sondern Vertrauen stiften. Nicht die Drohung steht im Mittelpunkt, sondern die unbedingte Verlässlichkeit seines Wortes.“

Ich frage zum Schluss: Wenn man ohne den Tod auszublenden dennoch getrost leben und das Geheimnis Gottes feiern kann, muss da nicht etwas dran sein an diesem Wort, das in uns Glauben weckt?  

 

Und der Friede Gottes…

 




© 2006-2017 - Evangelisch-Lutherische Kirchgemeinde Crottendorf