Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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1. Advent 2007

Text: Hebr. 10,19-25

19 Weil wir denn nun, liebe Brüder, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum, 20 den er uns aufgetan hat als neuen und lebendigen Weg durch den Vorhang, das ist: durch das Opfer seines Leibes, 21 und haben einen Hohenpriester über das Haus Gottes, 22 so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser. 23 Lasst uns festhalten an dem Bekenntnis der Hoffnung und nicht wanken; denn er ist treu, der sie verheißen hat; 24 und lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken 25 und nicht verlassen unsre Versammlungen, wie einige zu tun pflegen, sondern einander ermahnen, und das umso mehr, als ihr seht, dass sich der Tag naht.

 

Liebe Gemeinde!

 

„Vorhang auf, das Spiel beginnt!“ – so lautet es im Theater. Ganz ähnlich geht es in einem ordentlichen Kino zu. Die Zuschauer haben Platz genommen. Das Licht geht aus. Man sitzt da und wartet bis sich der Vorhang öffnet, und dann nimmt man konzentriert und gespannt zur Kenntnis, was einem gesagt und gezeigt wird. Manchmal ist das Erlebte amüsant, manchmal ergreifend. Manchmal geht man wieder und vergisst. Und manchmal bringt es zum Nachdenken oder verändert sogar Dinge im Leben.

Könntet ihr Euch vorstellen, dass es heißt: „Vorhang auf, der Gottesdienst beginnt!“?

Wenn man nicht gerade im Gottesdienst eine Oper oder eine Tragödie erwartet, ist das ein gar nicht so abwegiger Gedanke.

Zum ersten Mal bin ich in einer armenischen Kirche auf der Krim auf diese Überraschung gestoßen. „Was soll das?“ Habe ich mich damals gefragt. Vor dem Altarraum war quer eine Schnur gespannt an der man einen Vorhang auf- und zuziehen konnte.

„Hat das Geld nicht gereicht?“ – dachte ich damals. Ich war in einem orthodoxen Land. Die orthodoxen Kirchen haben allesamt quer vor dem Altarraum eine prächtig verzierte und mit Ikonen bemalte Wand. Ikonostase nennen sie diese Wand. Massiv und stabil trennt die Ikonenwand die Gemeinde vom Altar.

„Oder war in sowjetischen Zeiten die verordnete Kultureuphorie in die Kirche übergeschwappt?“ – dachte ich weiter. Überall im Land gab es Kulturhäuser mit Bühne und Vorhang. Vielleicht haben das die Armenier  bei den Kommunisten abgeguckt,  sodass man auch eine Kirche mit einem Vorhang ausstattet. Oder war gar diese Kirche in ein Kulturgebäude umfunktioniert worden? – ging es mir durch den Sinn. Wenn man nicht sachkundig ist, macht man sich ja oft die komischsten Gedanken.

„Vorhang auf und zu“ – das verbindet sich für uns eben mit Kino und Theater. Und darum kommt es uns komisch vor, wenn man einen funktionierenden Vorhang in einer Kirche vorfindet. Man trägt unbewusst seine gemachten Erfahrungen in diese Vorfindlichkeit ein und deutet sie von daher.

Dabei ist es ganz anders! Der Vorhang ist eines der ältesten sakralen Symbole überhaupt. Baugeschichtlich war es so, dass aus dem Vorhang vor dem Altar in der Orthodoxie die Ikonostase wurde. In der Westkirche baute man stattdessen Lettner oder Chorschranken. Später dann wurden diese „massiven Absperrungen“ luftiger und durchlässiger. In manchen Kirchen befinden sich am oder vor dem Altar noch  Gitter – mit oder ohne Türen. Das Einzigste, was bei uns noch vom Vorhang übrig geblieben ist, ist das Velum – jenes kleine Tüchlein über den Abendmahlsgeräten.

Warum das alles? Begriffen habe ich all diese Zusammenhänge in Armenien. Dort lernte ich, dass 1. der Vorhang in jeder armenischen Kirche vorkommt, 2. viel älteren Datums ist, als die Ikonostase  - ganz zu schweigen von den Vorhängen in den Kulturhäusern der Sowjets oder in den Theatern und Kinos und 3. einen klaren biblischen Bezug hat.

Der Vorhang soll an den zerrissenen Vorhang im Tempel beim Tod Jesu erinnern. Als Jesus am Kreuz starb, zerriss - nach den Aussagen der Evangelien - der Vorhang im Tempel in zwei Stücke. Von oben nach unten. Gemeint ist der Vorhang vom Heiligtum zum Allerheiligsten.

Wenn die Evangelien schreiben, dass der Vorhang von oben nach unten zerriss, dann wollen sie damit sagen: Menschen waren es nicht! Gott selbst hat den Vorhang geöffnet.  

Im Allerheiligsten wurde Gott selbst erwartet. Unsichtbar und doch nahe. Wenn der Vorhang offen ist, dann bedeutet das: Durch das Kreuz ist der Weg zu Gott offen. Der Gekreuzigte hat uns Zugang zu dem lebendigen Gott eröffnet.

Wenn aber der Weg zu Gott frei ist - braucht man gar nichts mehr zwischen uns und ihm? Dann könnte man doch auch auf solche Symbole wie Vorhang, Ikonostase, Chorschranke oder Velum verzichten. Keine trennenden Symbole mehr. Keine trennende Wirklichkeit mehr. Die Symbole halten uns ja nur eine Realität vor Augen. Sind wir also alle automatisch gerettet und bei Gott?

Könnte es sein, dass in dem Augenblick, wo man auf diese scheinbar überflüssigen Symbole verzichtet, auch so nach und nach in Vergessenheit gerät, dass der Weg wirklich frei ist?

Was sagt der Vorhang im Tempel?

Er erinnerte daran, dass wir Menschen nicht alles sehen können, was existiert. Gott können wir nicht sehen. Unserem Begreifen sind Grenzen gesetzt.

Der Vorhang erinnert uns auch daran, dass wir nicht einfach Kraft unserer eigenen Wassersuppe, zu Gott kommen können. Da ist ein Unterschied zwischen uns und Gott. Da müssen erst Voraussetzungen geschaffen werden, wenn man mit Gott Gemeinschaft erleben will. Unseren Möglichkeiten sind also Grenzen gesetzt, die nur in einer bestimmten Weise überwunden werden.

Der Vorhang erinnert uns daran, dass es immer etwas zu überwinden gibt. Ja, der Weg zu Gott ist frei. Freie Fahrt. Aber das Problem liegt nicht mehr bei Gott, wenn wir uns fern von IHM wähnen und fühlen. Gott hat sich nicht abgeschottet. In uns liegt das Problem. Wir müssen etwas überwinden. Ist es nicht so, wenn man ernst machen will mit Gott, muss man in sich etwas überwinden?

Der Vorhang (in welcher Form auch immer) ist ein Stachel, der sein muss. Er sagt: Da ist ein Unterschied, den wir nicht einfach aufheben können. Es gibt ein drinnen und draußen. Es sind uns Grenzen gesetzt. Es ist auch nicht alles dasselbe. Erfurcht vor dem Heiligen ist zutiefst angemessen und angebracht. Das Geheimnis ist groß!

Auf der anderen Seite ist der Weg wirklich gebahnt. An einer Stelle ist die Tür offen. Der Weg ist frei. Der Jubel müsste bei uns unendlich groß sein und die Dankbarkeit unendlich tief, dass wir durch Jesus zu Gott kommen können, Gemeinschaft mit IHM erfahren, Ihn wirklich in seinem Wort hören und sein Handeln an uns feststellen. Der offene Vorhang ist glasklares Evangelium.

Ein Evangelium ohne Gesetz gibt es nicht. Das Gesetz sagt uns Menschen unmissverständlich: Wir sind bei Gott verworfen. Die Sünde trennt uns von Gott. Wir kommen aus dieser Situation nicht mehr selbst heraus.

Das Evangelium sagt - auf diesem Hintergrund - in Jesus ist der Weg zum Vater frei. Er hat überwunden. In ihm finden wir, was wir im Tiefsten wollen. In IHM finden wir den, den wir finden sollen.

„Weil wir nun, liebe Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu die Freiheit haben zum Eingang in das Heiligtum zu kommen und auf dem neuen und lebendigen Weg, den  er uns aufgetan hat, durch den Vorhang hindurch (durch das Opfer seines Lebens)zu gehen.

So lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen in vollkommenem Glauben, besprengt in unsern Herzen und los von dem bösen Gewissen und gewaschen am Leib mit reinem Wasser.“

Das sagt uns nun heute der Hebräerbrief in reichhaltiger Bilderwelt, die wir leider nicht alle ausdeuten können und denen wir in der Kürze der Zeit nicht alle nachspüren können. Aber das sei abgekürzt festgehalten: Der Vorhang ist offen – durch das Opfer Jesu am Kreuz. Und durch diesen Jesus handelt Gott an uns, so dass wir zum IHM kommen können. Er schenkt uns Glauben, er reinigt unser Herz, er macht das Gewissen neu, er reinigt uns von aller Sünde. Alle Vorrausetzungen sind in IHM erfüllt.

Nun heißt es aber: So lasst uns nun! 3 x Mal steht das hier. Damit sind 3  wichtige Türen angezeigt:

die Tür zu Gott

die Tür zur Welt

die Tür zur Gemeinde

Alle diese Türen sind uns durch Jesus in einer bestimmten Weise geöffnet.

1. Ich armer, elender, sündiger Mensch darf durch Jesus Christus zu dem heiligen, allmächtigen, gerechten und ewigen Gott kommen. Das Kreuz von Golgatha gibt mir das Recht. Das Kreuz ist der Zugang - die Tür ist offen!

Aber nun soll das kein Wissen bleiben, das ich im Hinterkopf habe – ich soll auch kommen! Hier hören wir: „So lasst uns hinzutreten mit ehrlichen Herzen,  in ganzem Vertrauen, mit gereinigten Herzen und frei vom schlechten Gewissen.“

Das wäre doch eine schlechte Glaubenspraxis, wenn wir uns als Konfirmanden ein Glaubenswissen aneignen und es dann nicht ausprobieren. Ein Glaubenswissen nützt uns gar nichts. Glaubenspraxis ist gefragt! Dazu werden wir hier gerufen: „So lasst uns!“ Suche Erfahrungen mit Gott!

Gott ist doch da, ich darf IHN ansprechen – ich darf ihn sogar Vater nennen. Und er, der Vater, wird und will mich behandeln wie ein Vater sein Kind. D.h. doch: Es gibt viele Erfahrungen mit Gott, die da auf mich warten. Wann hast du das letzte Mal bewusst Gott erlebt? Heute morgen? Oder ist es schon lange her?

Gott der Vater wartet doch auf seine Kinder! „So lasst uns doch zu IHM gehen mit ehrlichen Herzen,  in ganzem Vertrauen, mit gereinigten Herzen und frei vom schlechten Gewissen.“ Das hat für mich G. Teerstegen in einer tiefen, einprägsamen Weise  in einem Weihnachtslied formuliert: „Hier (nämlich in Jesus) ist die Pforte des Lebens nun offen zu sehen. Gehet hinein, eins mit dem Kinde zu sein, die ihr zum Vater wollt gehen.“

Die Tür zu Gott ist offen - durch die eine Tür: Jesus! Aber nun gehet hinein! Die ihr zum Vater wollt gehen.

2. Jesus hat uns auch die Tür zur Welt geöffnet! Wie können wir uns aus der Welt zurückziehen – wir haben doch eine Hoffnung für die Welt. Weltoffenheit heißt doch nicht, ich muss alle Sünden der Welt mitmachen. Weltoffenheit heißt: Ich sehe sehr wohl den elenden Zustand dieser Welt mit allen krankhaften Erscheinungen und allen endzeitlichen Entwicklungen. Und dennoch haben wir das Bekenntnis der Hoffnung. Daran gilt es festzuhalten. Und die Welt braucht unser Bekenntnis der Hoffnung. Das sind wir dieser Welt schuldig!

Ich will dies an einem  adventlichen Beispiel verdeutlichen. Unsere Adventslieder sind voll von dieser Hoffnung. Johannes Tauler war einer der großen Prediger des Mittelalters. Er war Mystiker. In vielen Dingen dieser Welt sah er ein Abbild der ewigen Welt Gottes. Die Zeit, in der er in Straßburg und Basel lebte, war dunkel und schwierig. Diese Zeit war geprägt von Streit in der Kirche und von der tödlichen Pest.

Tauler stand oft bei Straßburg am Rhein und sah die Schiffe kommen. Was hatten sie geladen?! Holz oder teure Schätze - oder waren es Totenschiffe, voll mit Pestleichen? Aber Tauler sah im Geist ein ganz anderes Schiff, ein Schiff, das wirklich ankommt, das vor Anker geht. Es ist das Schiff, das uns Jesus Christus bringt: „Es kommt ein Schiff, geladen bis an sein' höchsten Bord, trägt Gottes Sohn voll Gnaden, des Vaters ewigs Wort.“

Und im letzten Vers beschreibt er unsere Hoffnung, unser Ziel: „...ewigs Leben zu erben, wie an ihm ist geschehn.“  Wie oft hat dieses Lied Menschen getröstet? Wie oft kam in ihm Jesus Christus zu den Menschen?

Das Bekenntnis der Hoffnung gilt es festzuhalten. Was hoffen wir? Was ist unsere Hoffnung? Wir hoffen doch nicht darauf, dass die Welt zum Teufel geht. Wir warten auf den Triumph des Gekreuzigten – auf das Morgenrot der Welterlösung. Wir warten auf Sein Kommen: zuerst zu seiner Gemeinde, dann zu seinem Volk und den Völkern der Welt und zu seinem Himmel und zu seiner Erde. Entrückung, Völkergericht, Friedensreich, Neuschöpfung.

An dieser Hoffnung festhalten, heißt Mut für das Leben haben, heißt fröhlich unterwegs sein auf dieses Ziel hin.

3. Darum, weil der neue Himmel und die neue Erde ganz entscheidend mit der Vollendung der Gemeinde Jesu zu tun hat, wird im Hebräerbrief unser Augenmerk auf die Gemeinde gerichtet. Er, Jesus ist die offene Tür zur Gemeinde! Das hat Konsequenzen für unser Miteinander als Christen! 

Wir dürfen nicht zum „Hüter unseres Bruders“ werden – also so eine Art innergemeindliche Staatsicherheit, wo wir den anderen so kontrollieren, das ihm keine Luft zum Atmen bleibt. Aber hier wird uns andererseits gesagt: „Lasst uns aufeinander acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken.“ Wo können wir dem Bruder und der Schwester weiterhelfen, sie mitnehmen, sie einladen, mit ihnen beten – ihnen eben Glaubensgenosse sein. Jesus wird uns einmal fragen: „Wo ist dein Bruder – deine Schwester?“

Advent – Zeit der offenen Türen.

Die Kinder öffnen in dieser Zeit jeden Tag ihr Türchen am Adventskalender. Sollte uns das Erwachsene nicht auch daran erinnern, dass es Türen des Lebens und auch Türen des Glaubens gibt?

Wenn die Türen offen sind, dann gibt uns Gott auch das Recht hineinzugehen – ja dann fordert er uns dazu auch auf! Eine offene Tür ist wie der offene Vorhang eine Einladung: Komm!

Komm und lebe in Gemeinschaft mit dem Vater

Komm und bezeuge der Welt die Hoffnung

Komm und suche die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern.

Da kann man nur noch sagen: „Vorhang auf, der Gottesdienst im Alltag beginnt - jetzt!“

 

Amen

 




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