Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Heiliger Abend 2007

Liebe Gäste, liebe Gemeinde!

 

Die Weihnachtszeit ist eine Zeit des Grüßens. Mehr als sonst im Jahr setzen wir uns hin und schreiben Weihnachtsgrüße.

Gut für die Post. Gut für die Papierindustrie. Gut für die Bahn und die Transportunternehmen.

Aber nicht nur das. Gut auch für uns selbst. Denn indem wir den Anderen Grüße schreiben, denken wir an Menschen, die uns lieb und wert sind. Wir schaffen Verbindung und stiften vielleicht auch Freude.

Vielleicht ahnen wir dabei gar nicht, dass wir etwas praktizieren, was mit dem Weihnachtsgeschehen selbst zu tun hat. In den Weihnachtsgeschichten wird häufig und kräftig gegrüßt. In Nazareth wird Maria von einem Boten Gottes gegrüßt und ihr wird die Geburt eines Kindes angekündigt, der „ein Sohn des Höchsten genannt werden wird“.

Maria ging auf das Gebirge in eine Stadt in Juda und besuchte eine Verwandte. Wieder ergeht ein besonderer Gruß. Elisabeth grüßt Maria mit den Worten: „Dich hat Gott gesegnet, mehr als alle anderen Frauen, dich und dein Kind!“

Und als Jesus geboren war, passierte die sonderbare Szene auf den Fluren von Bethlehem: „Und der Engel sprach zu den Hirten: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Diesen besonderen Gruß möchte ich heute am Heiligen Abend in die Mitte rücken. Euch möchte ich diesen Gruß weitersagen. Es ist ein Gruß, der die Furcht nehmen und Freude stiften will. Hier ist von der eigentlichen Weihnachtsfreude die Rede. Die wirkliche Weihnachtsfreude ist einzig und allein in dieser Botschaft begründet: Euch – Euch! (also uns allen) ist der Retter geboren, welcher ist Christus der Herr.

Überlegen wir miteinander kurz, wo uns konkret im Leben Furcht genommen werden muss. Wovor fürchten wir uns - offiziell und inoffiziell?

Ist das nicht eigenartig? Selbst bei der Geburt eines Kindes, das wir ja üblicher Weise  „ein freudiges Ereignis“ nennen, taucht die Angst schon auf. Ist das Kind gesund? Wird es seinen Weg gehen? Wird es im Frieden aufwachsen können? Wird es einmal eine guten Beruf und eine Arbeitsstelle haben? Wird es gute Freunde finden und den richtigen Ehepartner?

Hinter allen Dingen im Leben kann ein Angstpotential stehen. Vom ersten bis zum letzten Atemzug kann die Angst zum bestimmenden Element werden. Und vielleicht fällt gerade von dem Wissen um unser Sterben-Müssen der größte Angstschatten auf unser Leben.

Wiederum mache ich hier eine sonderbare Entdeckung. Jesus, dessen Geburt mehrere Male den Menschen mit den Worten „Fürchtet euch nicht!“ angekündigt wurde, tritt den Menschen als der Auferstandene immer mit den Worten: „Fürchtet euch nicht!“ entgegen. Er, der die eigentliche Krise des Menschen durchschritten und überwunden hat, tritt auf uns zu und sagt: „Fürchtet euch nicht!“ In Ihm hat das Leben ein für alle Mal gesiegt. Der Tod ist nicht mehr die letzte Macht im Leben.

Was dieser Herr nach dem Ende des Lebens sagt, spiegelt sich schon an seinem Anfang wieder. Gottes Boten rufen in die Nacht hinaus: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr“.

Die Weihnachtsbotschaft will uns Angst nehmen und Freude schenken. Wie kommt die wirkliche Weihnachtsfreude zu uns?

Schauen wir auf die Hirten. Hören wir, was sie erlebten und wie sie fündig wurden.

Der Gruß der Engel war nicht bloß eine Information, die ihnen vorgetragen wurde. Wie Vieles hören wir und vergessen es schnell wieder. Das besondere an diesem Gruß war, dass die Empfänger selbst mit eingebunden wurden. Sie werden auf die Suche geschickt.

Das ist eine einfache Wahrheit. Alles, was nur unseren Verstand erreicht, dass rauscht an uns vorbei. Alles was durch unsere Hände und Füße geht, das erreicht uns mehr. Und alles was durch unser Herz geht, dass sitzt fest. Auch bei uns verhält es sich jetzt so. In dem uns dieser Gruß zugesprochen wird, werden wir auf die Suche geschickt.

Was wird den Hirten gesagt?  „Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.“

Gottes Sohn, der Retter der Welt, der Herr unseres Lebens soll gefunden werden: 1. in einem Kind 2. das in Windeln gewickelt ist und 3. das in einer Krippe liegt.

Sind das nicht alles sonderbare Selbstverständlichkeiten? Könnte diese Beschreibung nicht auf viele Kinder (jedenfalls damals) zutreffen? Sind die Zeichen, die hier gegeben werden, nicht sehr allgemein und unpräzise?  Wird hier nicht der Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet?

Ich will es gleich vorweg nehmen: Wir werden hier allesamt auf eine besondere Suche geschickt. Und bei dieser Suche verhält es sich nicht so, dass wir - wie bei einem PC-Spiel - Level um Level erreichen können, um dann irgend etwas abzuhaken und um schließlich die volle Punktzahl zu erreichen. Bei der Suche nach Gott wird die Suche im Gefunden-Werden zum Ziel kommen.

Immer aufs Neue ruft uns Gottes Wort zur Suche auf. Der Glaube lebt im Aufbruch, oder er stirbt. Immer neu muss das Alte losgelassen werden und zugleich müssen die leeren Hände Gott hingehalten werden. Wohl haben wir als Kinder Gottes in Jesus den Retter der Welt gefunden und zugleich sind wir noch unterwegs. Nichts ist spannender im Leben als der Weg des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung.

Doch dabei ist dieser Weg des Glaubens keine Suche um der Suche willen. Wir erleben dabei das Gefunden-Werden. Gott greift nach uns. Wir merken, dass wir bei IHM bekannt und angenommen sind. Wir erhalten Gewissheit, dass er da ist und wir finden, was wir suchen.

Den Hirten werden drei Bereiche der Suche genannt.

1. Suche Jesus in dem Kind.

Reinhard Mey hat für mich eines der schönsten Kinderlieder geschrieben. Da heißt es im Refrain:

Menschenjunges, dies ist dein Planet,

hier ist dein Bestimmungsort, kleines Paket.

Freundliches Bündel, willkommen herein,

möge das Leben hier gut zu dir sein!

Ich mag dieses Lied deshalb so sehr, weil hier einer über ein junges Leben ins Staunen ausbricht und tiefe Dankbarkeit über das zarte Wesen zum Ausdruck bringt und zugleich Verantwortung spürt.

Immer aufs Neue erschüttern mich Nachrichten über getötete, verwahrloste und misshandelte Kinder.  Deren gab es im vergangenen Jahr wieder  viel zu viele. Wie dunkel muss es in einem Menschen geworden sein, wenn man in einem Kind nicht mehr den Gruß der ewigen Welt vernehmen kann. Wie schlimm muss es um eine Gesellschaft bestellt sein, die ratlos und hilflos zusieht.

Unser Verhältnis zu Kindern ist ein Stück weit Gradmesser für unsere Gottesbeziehung. Gerade hier ist die Chance groß, auf Gottes Schöpferkraft und Vatergüte zu stoßen.  Die Ehrfurcht vor Gott zieht unweigerlich die Ehrfurcht vor dem Menschen nach sich. Und umgekehrt. Ehrfurcht vor dem Leben ist undenkbar ohne Ehrfurcht vor Gott.

Warum sollen die Hirten ausgerechnet in einem neugeborenen Kind den ewigen und allmächtigen Gott entdecken?

Ein Kind ist ein Mensch am Anfang seines Lebens. Ein neuer Anfang ist gesetzt. Ein einmaliger Mensch beginnt den Weg seines Lebens. Wie am Anfang der Welt ist alles neu. Einzigartiges und Einmaliges ist in die Welt gekommen. Vielleicht kann man gerade hier noch den Nachhall des Schöpfungswortes Gottes hören, der sprach: „Es werde!“

Und nun muss und wird sich dieses Leben entfalten. Das Kind muss wachsen und sein Leben erobern und gestalten. Mit einem Kind kommt ein neues Leben zur Welt, das von Anfang bis Ende gelebt werden muss. Wir würden sagen: Von A-Z. In der Zeit, als man das NT schrieb, sagte man von Alfa bis Omega, weil das die beiden Buchstaben waren, die das griechische Alfabeth begrenzen. Jesus konnte sagen: „Ich bin das Alfa und das Omega, der Anfang und das Ende.“  Der erste Teil dieser Botschaft ist schon in dem Kind in der Krippe zu vernehmen: „Ich bin der Anfang.“

Wer A sagt, der muss auch B sagen. Und Jesus hat auch „B“ gesagt: B – wie Beleidigung. B – wie Bedürftigkeit; B – wie der bittere Tod. In allem war er Mensch wie wir  - und gerade da lässt sich Gott finden – mitten im Menschlichen. Wo denn sonst?

Unter den diesjährigen Weihnachtsgrüßen fand ich eine Karte mit einem Weihnachtslied von Theo Lehmann und Wolfgang Tost:

Nur ein Päckchen kein Paket – freu dich trotzdem drauf.

Auf den Inhalt kommt es an. Mach es einfach auf.

Gott schickt seine Weihnachtssendung, größter Wert im Kleinformat.

Er ist ganz verrückt vor Liebe, gibt das Beste, was er hat.

Jedem Menschen dieser Welt gilt die Attraktion.

Gottes Gruß hat Hand und Fuß. Er schenkt seinen Sohn.

In der Krippe mit dem Kind , unscheinbar und klein,

fädelt Gott die Riesenchance unserer Rettung ein.

2. Suche Jesus in dem Kind „in Windeln gewickelt“.

So beginnt jeder Mensch sein Leben. Ein neugeborenes Kind ist vor allem angewiesen. Es ist darauf angewiesen, dass es gestillt wird und versorgt wird. Nicht einmal „das Eingemachte“ kann es selber entsorgen. Die Windeln sprechen zutiefst von unserer Bedürftigkeit. Wir sind angewiesen auf andere. Wir können nicht gegen die Anderen leben, sondern nur mit ihnen.

Auf diese Ebene ist Gott gekommen. Er kam in unsere menschliche Bedürftigkeit, um uns zu zeigen: Nur so werden wir IHN finden. Nur da, wo wir uns helfen lassen, kann uns geholfen werden. Nur da, wo wir uns beschenken lassen, können wir Neues empfangen. Gott kann dem Menschen nichts schenken, wenn er sich nichts schenken lässt.

Die Windeln sprechen die Sprache der Hilfe – wir brauchen Hilfe von A-Z. Darum heißt der Name „Jesus“ übersetzt: „Gott ist Hilfe“.

3. Suche Jesus als Kind, das in der Krippe liegt.

Wir wissen es alle, die Krippe steht für die Armut. Maria und Josef suchten vergeblich in Bethlehem eine ordentliche Unterkunft. Im Stall bei den Tieren kam Jesus zu Welt. Man legte ihn in einen Futtertrog für das Vieh, weil sie nichts anderes hatten. So arm waren die beiden. So arm begann Jesus sein Leben.  Die Krippe spricht die Sprache der Armut.

Sie sagt aber auch etwas über die Wahrheit unseres menschlichen Lebens aus. Wir sind mit Nichts gekommen und wir werden mit Nichts gehen. Alles andere ist Illusion – manchmal dekorierte und illuminierte Illusion.

Aber: So wie Gott die Welt aus dem Nichts schuf, so spricht er zu uns, um aus dem Nichts ewiges Leben zu schaffen.

Das Kind in der Krippe, in den Augen der Menschen ein Nichts, war doch der Herr der Welt. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen.

Die Hirten haben dieses Licht gesehen und erkannt. Sie fanden in dem Kind in der Krippe dieses Licht der Welt und ließen sich davon erleuchten. Und die Hirten erlebten an der Krippe das, was jeder erlebt, der Jesus findet: Er, der ganz arm war, hat viele reich gemacht.

Ich komme zum Schluss und möchte uns noch einmal an den Anfang erinnern. Weihnachten ist die Zeit der Grüße. Die Weihnachtsgrüße haben ihren Ursprung in den Grüßen der Weihnachtsgeschichte. Ein Gruß ist jedoch nicht einfach dies, dass einer kommt und „Hallo“  sagt. Im Lexikon steht: „grüßen“ kommt aus dem mittelhochdeutschen und meint eigentlich: anreden, ansprechen, grüßen,  herausfordern, angreifen.

Das will der Gruß der Engel. Das will die Weihnachtsbotschaft – uns herausfordern.

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

 

Amen

 

 

 




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