Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Predigt am Karfreitag 2008 zur Sterbestunde Jesu

Text: 1. Kor 1,18 + 23 „Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen,  die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist's eine Gotteskraft. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“

 

Liebe Gemeinde!

 

Am Karfreitag nähern wir uns dem tiefen Rätsel des Leides, dem Geheimnis der unbegreifbaren Hingabe Gottes und dem höchsten Maße der Glückseligkeit. Das Kreuz Jesu ist die Mitte unseres Glaubens, der Ursprung des ewigen Lebens und die Quelle der neuen Kraft.

Aber ist nicht das Kreuz Jesu für den heutigen Menschen eine Zumutung, eine Provokation, ein Ärgernis, eine Dummheit? Findet man Gott nicht eher im Schönen und Erhabenen? Kommt einem nicht das Gefühl des Göttlichen in einem  romantischen Sonnenuntergang an, im Rauschen des Meeres, im Duft der Wälder, in der Unermesslichkeit des Weltalls? Warum brauchen wir gerade einen Gekreuzigten? Kann Gott nicht anders vergeben?

Begegnet man Gott nicht offensichtlicher im Guten, das Menschen leisten – oder in der aufopferungsvollen Hingabe oder gar im schonungslosen Opfer einiger Weniger? Warum soll ausgerechnet das Kreuz das Zeichen der Liebe Gottes sein? Kann Gott nicht auf anderem Weg uns seine Liebe erklären?

Gibt es nicht viel angenehmere Wege, zu sich selbst zu finden, selbstheilende Kräfte zu stimulieren, geheimnisvoll kosmische Energiebahnen zu kanalisieren, um zu neuen und besonderen Kräften zu kommen? Warum soll gerade das Wort vom Kreuz in uns besondere Kräfte entfesseln?  Hat Gott nicht andere Möglichkeiten, als ausgerechnet durch den Glauben an den gekreuzigten Jesus besondere Kräfte für das Leben freizugeben?

Heute wie damals ist der Glaube an den gekreuzigten Gott exotisch, lächerlich ja vielleicht sogar in den Augen mancher Leute gefährlich. Provokant ist solcher Glaube allemal.


Im Jahre 1857 fand man bei Ausgrabungen auf dem Palatinhügel, jenem Regierungszentrum des alten Roms,  auf dem Innenputz eines Gebäudes eine Wandkritzelei. Sie stammt aus der Zeit zwischen 123 – 126 n. Chr. (also aus dem Anfang des 2. Jahrhundert n.Chr.) Die Kritzelei zeigt einen gekreuzigten Menschen.

Nun würde man angesichts solch einer Darstellung nichts Besonderes vermuten. Die Kreuzigung war bei den Römern eine gängige Todesstrafe.  Doch das Eigentümliche an dieser Wandkritzelei auf dem Palatin ist, dass dieser gekreuzigte Mensch einen Eselskopf trägt. Daneben blickt ein junger Mann zu der Gestalt am Kreuz. Und unter der Zeichnung steht in großen Buchstaben ALEXAMENOS BETET ZU GOTT.

Diese Wandkritzelei (heute würde man es ein Grafitti nennen) stammt aus einer Pagenschule. Hier wurden junge Männer als Diener für den römischen Hof ausgebildet.  Unter den Jungen muss ein Christ Namens Alexamenos gewesen sein, über den andere Auszubildende ihren Spott trieben. Verspottet wurde jener junge Christ, weil er wohl daraus keinen Hehl gemacht hatte, dass er an einen Mann glaubt, der an einem Kreuz sein Leben ließ. Indirekt wurde auch der Gedanke verspottet, dass man von einem Gekreuzigten das Heil der Welt erwartet, wie es die Christen glauben.

Man sollte nicht meinen, dass die alten Römer ungläubige, gottlose Gesellen waren, die nichts anderes konnten, als mit ihrer Militärmaschinerie ein Weltreich zu erobern. Im Gegenteil! Die Römer waren sehr religiöse Leute. In Rom glaubte man seinerzeit an ganz viele und  unterschiedliche Götter. Der Glaube der Römer war sehr differenziert und durchzog das gesamte gesellschaftliche Leben. Alles Leben ging vom Glauben aus.

Man stellte sich die Gottheiten als starke, mächtige Wesen vor, die für unterschiedliche Dinge zuständig waren. Jupiter, der oberste Gott im römischen Götterhimmel, wurde als Vater der Götter und Menschen verehrt. (Die Feldzüge der Römer begannen im Jupitertempel und endeten dort wieder.) Mars war der eigentliche Gott des Krieges. Venus war für die Liebe  zuständig – Merkur für den Handel, Vesta für das heilige Feuer. Roms Götter sollten das Leben der Menschen garantieren, wenn möglich erweitern und wenn nötig beschützen. Man wollte mit den Göttern (den Garanten des Lebens) im Einklang leben. Darum suchte man durch Orakel die Verstimmungen der Götter herauszufinden und sie durch Opfer zu besänftigen.

Als sich jedoch der christliche Glaube im Römischen Reich ausbreitete (und auch sehr bald /nämlich wenige Jahre nach dem Tod Jesu/ in die Hauptstadt kam) – da lachten die Römer über diesen neuen Glauben. Denn ein Gott, der am Kreuz stirbt, dass war den Römern absurd – ja peinlich. „Wenn Gott sich von Menschen aufs Kreuz legen lässt, dann ist das kein richtiger Gott.“ So dachte man. „Und wenn einer an so eine Eselei glaubt, muss er selbst ein Esel sein.“

Auf dem Hintergrund dessen, was allgemeiner Glaubenskonsens unter den Römern war, muss das Zeugnis der christlichen Missionare von dem gekreuzigten Jesus, der das Heil der Menschen bringt, ein Skandal gewesen sein. Man glaubte an starke, einflussreiche Gottheiten. Aber das Gott so schwach und ohnmächtig wird, sodass die Menschen mit ihm machen können, was sie wollen und ihn schließlich umbringen, das war für Römer undenkbar – unglaubhaft – schlichtweg: unmöglich.

Es widersprach außerdem grundsätzlich ihrem ästhetischen Empfinden.  Cicero (gest. 43 v. Chr. – röm. Politiker, Anwalt und Philosoph) schrieb: „Die bloße Bezeichnung ´Kreuz` sei nicht nur von Leib und Leben der römischen Bürger verbannt, sondern auch von ihren Gedanken, Augen und Ohren. Denn alle diese Dinge sind eines römischen Bürgers und freien Mannes unwürdig.“ (pro Rabirio 5,16)

Für die Römer war die Kreuzesstrafe, die schmählichster aller Strafen. Römer hatten diese grausame Hinrichtungsart von den Karthagern (in 3. punischen Kriegen) übernommen und sich zu wahren Experten in Sachen Kreuzigung entwickelt. Die Kreuzigung wurde nur bei extremen Verbrechen eingesetzt (Aufruhr, Hochverrat, Tempelraub und Mord). Sie war Strafe für die Niedrigen und die Rechtlosen. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden.

Und nun soll ein Gott, in dem man das höchste und erhabenste Wesen sah und wie es die Christen behaupten, ein Gott, der die Welt rettet und die Menschen erlöst, am Kreuz gestorben sein? Das war für Römer undenkbar, unglaubwürdig, eine Provokation, ein Skandal. Das Spottkreuz auf dem Palatin belegt, dass man von Anfang an den christlichen Glauben belächelte und verspottete. Jener Alexamenos muss es unter seinen Kameraden nicht leicht gehabt haben.

Das ist die eine Erfahrung. Das Kreuz, ein Ärgernis, Anlass des Spottes. Ein furchtbarer Skandal für religiös feinfühlige Gemüter. Die größte Dummheit der Welt – für die einen.

Es gibt eine andere Erfahrung, die man mit dem Kreuz machen kann. Der Apostel Paulus bezeugt: „Uns aber ist es eine Kraft Gottes.“ 15 Jahre, nach dem man auf dem Palatin das Zimmer mit jener Wandkritzelei gefunden hatte, stieß man bei weiteren Ausgrabungen in einem Nachbarraum auf die Antwort des jungen Christen. Unter einem Standbild des Kriegsgottes Mars fand man auf einer Inschrift, die mit einem Nagel eingeritzt war: „Alexamenos fidelis“ /  „Alexamenos bleibt treu im Glauben“.

Was muss das für eine Kraft sein, so frage ich mich, wenn einer trotz des Spottes der anderen seinem Glauben treu bleibt. Was muss das für ein Glaube sein, der jenem jungen Burschen  die Kraft gab, gegen eine erdrückende Mehrheit, weiter zu bezeugen: „Ich glaube an Jesus Christus, Gottes Sohn  gekreuzigt, gestorben, begraben, auferstanden am dritten Tage“? Was muss das für ein Glaube sein der es wagt, sämtliche staatstragenden Götter des Imperiums Romanum in Frage zustellen.

Wie gesagt, die Religion der Römer hatte die Funktion, die Eintracht mit den Göttern zu bewahren bzw. wieder herzustellen. Die „pax romana“, der Friede Roms war das oberste religiöse Prinzip im Reich. Wer dieses Prinzip störte wurde zum Staatsfeind. Offensichtlich stört der christliche Glaube den Frieden Roms. Man fragt sich, warum die römischen Kaiser dem jungen Christentum eine solch blutige Antwort gaben. Wenn sie sich der Macht ihrer Götter so sicher gewesen wären, hätten sie doch nur müde über solche Vorstellungen lächeln müssen. Aber durch das Wort vom Kreuz fühlten sie sich in der Mitte ihres Glaubens angegriffen. „Das Wort vom Kreuz - eine Torheit  - ein Ärgernis oder aber eine Kraft Gottes“

Der Mann, der das schrieb, hatte es selbst am eigenen Leibe und in der eigenen Seele so erlebt. Paulus war jüdischer Pharisäer. Ihm war das Kreuz ein Ärgernis. Im griech. Text steht das Wort:  σκάνδαλον (Skandalon) das verstehen wir alle auch ohne griechisch gelernt zu haben. Das Kreuz ein Skandal! Das Kreuz - ein öffentliches Ärgernis, gegen das man je nach Zeit und Gemütslage der Herrschenden vorgehen muss?

Ob nun einer mit Spott, oder mit Gewalt oder mit religiösem Eifer gegen diejenigen zu Felde zieht, die sich zu dem gekreuzigten und auferstanden Jesus bekennen, bleibt dahingestellt. Es wird ihm letztlich nicht Frieden bringen. Auch das musste Paulus erleben.

Das σκάνδαλον meint ursprünglich das Stellholz einer Falle. Eine kleine, zarte Bewegung, die das Stellholz wegdrückt, lässt die Falle zuschnappen. So hat es Paulus selbst erlebt. Er hasste diese Menschen, die sich zu Jesus, den Gekreuzigten bekannten. Er verfolgte sie nicht nur mit religiösen Argumenten, sondern wollte sie dingfest machen. Die Falle schnappte zu. Er saß in der Falle seines eigenen, religiösen Eifers. Er fand keinen Frieden. Das Kreuz wurde ihm zum σκάνδαλον. Er kannte also die Erfahrung aus eigenem Erleben. „Das Wort vom Kreuz - eine Torheit  - ein Ärgernis“.

Aber nach Damaskus machte er eine ganz andere Erfahrung. Das Wort vom Kreuz wurde ihm zur Kraft Gottes.

Wozu diese Kraft?

Wenn man die vorangehenden Verse liest, stellt man fest, dass der Apostel Paulus von dieser Kraft in einem speziellen Zusammenhang schreibt. Es gab Streit in der Gemeinde von Korinth. Da wurden dort plötzlich christliche Prediger verehrt. Die einen lobhudelten diesen Starprediger. Andere jenen. Es gab in der Gemeinde Fangemeinden. Jesus war nicht mehr Thema Nr. 1.

Da hinein ist dieser Satz über das Wort vom Kreuz gestellt. Paulus will damit sagen: Jetzt müssen wir nicht über eure geistlichen Biographien reden – und nicht über die, die euch geholfen haben, zum Glauben zu kommen - oder wer euch wann oder wo richtig (getauft)  hat. Das Wort vom Kreuz ist die Kraft unseres Glaubens.

Das Wort vom Kreuz ist also Kraft für die Einheit im Leibe Christi. Darum ging es in dieser Situation. Das Kreuz ist Kraft zur Versöhnung, zur Vergebung, zur Demut untereinander. Um diesen Zusammenhang geht es hier.

Darüber hinaus gibt uns das Kreuz Kraft, das eigene Ich zu überwinden. Durch das Wort vom Kreuz wird die Macht der Sünde, des Todes und des Teufels besiegt. Das Kreuz Jesu gibt Kraft im Leiden.

 

Ich erinnere mich an eine kleine Begebenheit in meinem Leben. Ich saß in der Normannstraße in Berlin, in Erwartung, bald meine Stasi-Akte in den Händen zu halten.  Es war noch nicht so weit. Ich hatte nichts anderes zu tun und betete. Und plötzlich stand (wie in einem inneren Bild) Jesus am Kreuz vor mir.

Das hat mir, nachdem ich meine Akte gelesen hatte, geholfen, keine Bitterkeit im Herzen zu entwickeln. Ich konnte durch dieses Erlebnis etwas, was ich aus mir selbst nie gekonnt hätte. Ich konnte meinen Spitzeln vergeben.

Das Wort vom Kreuz ist eine Gotteskraft. Wo immer wir Gottes Kraft im Leben brauchen: hier am Kreuz  - in dem Gekreuzigten - ist sie zu finden.

Was mag jener Alexamenos für Feindseligkeiten erlebt haben? Es muss ihm nicht so bedeutsam gewesen sein, wie Jesus der Gekreuzigte. Der Glaube an diesem Herrn war ihm allemal kostbarer, als Ansehen, Karriere, vielleicht sogar das Leben.

Was bedeut uns das Kreuz Jesu?

„Wir aber predigen den gekreuzigten Christus,

den Juden ein Ärgernis,

den Griechen eine Torheit,

den Römern die Störung ihres Weltfriedensprogrammes,

den Deutschen eine Katastrophe für ihren Perfektionismus.  

Das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren werden, eine Torheit.

Allein das Kreuz wird unsere Rettung sein – ist es uns heute eine Gotteskraft?

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn. Amen

 




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