Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Misericordias Domini 2008

Liebe Gemeinde!

 

Segenswünsche boomen seit Jahren. Ansprechende Bilder im Hintergrund, im Hochglanzformat gestylt, verkauft der Kawohl-Verlag ansprechende Postkarten mit Segenswünschen zu guten Preisen. Noch umfangreicher sind ganze Sammlungen von Segensworten aus Irland auf prächtig aufgemachten Kalendern zu haben. Die irischen Mönche scheinen Spezialisten in Sachen Segen gewesen zu sein. Gibt man den Suchbegriff „irischer Segen“ im Internet ein, wird man mit einer Fülle von Angeboten überrascht.

Irische Segenssprüche verbinden meist alltägliche Erfahrungen mit geistlichen Erfahrungen.

Möge die Straße dir entgegeneilen,

möge der Wind immer in deinem Rücken sein.

Möge die Sonne warm auf dein Gesicht scheinen

und der Regen sanft auf deine Felder fallen.

Und bis wir uns wiedersehen,

halte Gott dich im Frieden seiner Hand.

„Möge“ – so beginnen oft die irischen Segensworte. Schon dieses erste Wort zeigt die Wunschform an. „Möge“ – gute Wünsche werden uns hier gesagt. „Möge“ – das bedeutet aber auch: es wird dir nichts übergestülpt. Es wird etwas angeboten, das aber auf der anderen Seite der offenen Hand oder des aufnahmebereiten Herzens bedarf.

Vielleicht ist es uns oft gar nicht mehr so richtig bewusst, dass uns jeden Sonntag ein Segen entgegenklingt, entgegenkommt, entgegengebracht wird. Nehmen wir ihn mit? Nehmen wir ihn an? Nehmen wir ihn auf?

Was ist überhaupt ein Segen? Was bewirkt er? Ist Segen eine Stärkung des Gefühles, ist es mehr oder weniger ein Wunsch oder ist es die Art und Weise wie Gott handelt?

Ich möchte euch jetzt auf der Spurensuche nach Antworten mitnehmen.

Wenn – wie es das große Interesse unserer Zeitgenossen zeigt – Segen etwas Wichtiges zu sein scheint…

Wenn – wie in der Kirche schon immer üblich – der Segen Bestandteil eines jeden Gottesdienstes war und ist…

Wenn Segen etwas ist, dem wir zuweilen förmlich entgegenhungern…

dann müssen wir klären, was Segen ist, wie er funktioniert und was wir dabei erwarten dürfen.

Ich möchte uns jetzt ein Segenswort lesen, dass wir vielleicht beim ersten Hören gar nicht als Segenswort einstufen. Es ist der heutige Predigttext – Hebr. 13, 20+21

Der Gott des Friedens aber, der den großen Hirten der Schafe, unsern Herrn Jesus, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut des ewigen Bundes, der mache euch tüchtig in allem Guten, zu tun seinen Willen, und schaffe in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, welchem sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Diese zwei Verse stehen fast am Schluss des Hebräerbriefes. Es folgen dann nur noch Ermahnungen und Grüße. Vor diesem Segenswunsch jedoch wird dem Leser dieses Briefes in 12 Kapiteln Jesus als der große, mächtige und gütige Herr vor Augen gemalt.

Er ist derjenige, in dessen Gegenwart die großen Nöte unseres Lebens klein werden. Er ist derjenige, der unseren schwachen Glauben stark macht. Er ist derjenige, der den beengten Blick unserer Vernunft weitet. Er ist derjenige, der uns ermutigt, mit unseren Füßen (festen Trittes) neues Land des Glaubens zu betreten. Und das alles, weil Jesus – so stellt ihn uns der Schreiber des Hebräerbriefes vor – alle Macht hat – und zwar im Himmel und auf Erden.

Wenn man Jesus so kennenlernt, wie er uns hier beschrieben und vorgestellt wird – da wünscht sich der Leser des Briefes doch nur eins: Dieser Jesus soll mitgehen. Er soll erlebbar und erfahrbar sein. Er möge uns im Alltag wiederbegegnen und Einfluss auf unser Leben ausüben.

Er soll nicht als Erinnerung im Brief zurückbleiben. Es soll nicht so sein, wie wenn man ein Buch, das einem gefallen hat, am Ende zuschlägt und weglegt. Dieser Jesus, von dem hier geschrieben wird, soll nicht Buchstabe bleiben – er soll in unser Leben eintreten und unsere Zeit füllen mit seiner Gegenwart. Seine Hand soll spürbar werden, als Wirklichkeit, die nach uns greift und von der wir uns gern führen lassen. Sein Mund soll erfahrbar werden als Realität, die wir wahrnehmen und verstehen. Sein Leben soll in unser Leben kommen und uns füllen und verändern.

Dieser Jesus soll doch mitgehen in unseren Alltag. Er soll nicht in dieser Kirche bleiben, wenn das letzte Stück verklungen ist und wir hinausgehen. Dazu ist doch der Segen da, dass uns die Brücke gebaut wird. Wir sind doch hier, um von Jesus Worte und Kraft zu empfangen, die wir mit in den Alltag nehmen und die dort ihre Wirkungen entfalten. Wir sind hier, um Segen für unser Leben zu empfangen. Und das ist es, was er uns mitgeben will: 1. Frieden 2. Gewissheit und 3.Mut zum Guten

1. Ich gehöre zu der privilegierten und glücklichen Generation, die in ihrem Leben nie einen Krieg erlebt hat. 63 Jahre schon haben wir in Deutschland Frieden. Einige unter uns haben in sich noch die schlimmen Erinnerungen an den Krieg gespeichert. Aber diejenigen, die noch dunkle Erinnerungen an erlebte Kriegstage haben, werden immer weniger.

Doch der Friede, von dem der Hebräerbrief spricht, der Friede, den Gott durch Jesus schafft, ist mehr als das Schweigen von Waffen. Es ist ein Friede, der den Menschen selbst erfasst und durchdringt. Es ist ein Friede, der Familien, Orte und Regionen prägt und erreicht. 

Wirklicher Friede muss der Nagelprobe des Todes standhalten. Und darum ist der Ort, an dem Gott Frieden schafft, das Kreuz. In der tiefsten Einsamkeit der Kreuzigung sieht Jesus den anderen in seiner Angst und Qual. Er hört seine Bitte und antwortet mit einer wunderbaren Verheißung: „Heute! Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.“ Mitten in der Hölle des Kreuzes wird das Paradies versprochen – ja die Tür zum Paradies geöffnet. Der Todgeweihte findet so Frieden für seine Seele.

Stellen wir uns das ganz bildlich und real vor! An der Hand des großen Hirten wird dieser verlorene Mensch hinausgeführt aus der Macht des Todes – hinaus aus dem Bereich und der Einflusssphäre der höllischen Mächte.

Denn in dem Moment, wo Jesus aus Liebe zu uns sein Leben verblutet, entfaltet sich die Kraft des neuen Bundes. Hier am Kreuz wird ein Bund geschlossen, der Friedensbund zwischen Gott und Mensch.

In der vergangenen Woche waren wir während unserer Rom-Reise (Sonntagnachmittag) in einer der Katakomben Roms. Die Katakomben waren die Begräbnisstätten der frühen Christenheit.

Weil sie eine Auferstehungshoffnung hatten, ließen sich die Christen – wie es sonst im römischen Reich üblich war – nicht verbrennen. Weil bei den Christen nicht mehr galt: arm oder reich; Sklave oder Freier; Herr oder Knecht – sondern wir sind eins in Christus – darum kümmerte sich die Gemeinde für alle um ein Begräbnis. Und weil ihr Glaube auch angesichts des Todes die Antwort einer lebendigen Hoffnung gefunden hatte, darum gruben sich dort die Christen der ersten Jahrhunderte in die Tiefe.

Dieses seltsame Vorgehen muss den Römern komisch vorgekommen sein. Aber – immerhin – sie tolerierten es. Die Katakomben waren keine Geheimverstecke der Christen, wie es uns zuweilen Hollywoodfilme weismachen wollen, denn die  Begräbnisstätten waren auch den staatlichen  Stellen bekannt und zugänglich.

Aber man kommunizierte dort miteinander in der Sprache des Glaubens. Symbole, die es auch sonst in der römischen Tradition gab, kommen dort vor. Sie waren einerseits für Außenstehende unverfänglich und andererseits für die Gemeinde ein gutes Mittel sich zu verständigen und um sich Glaubensmut und Hoffnung zuzusprechen.

Das allerälteste Symbol des Glaubens und das mit Abstand häufigste Bild in den Katakomben ist die Darstellung des guten Hirten. Für die römischen Staatsbeamten, die kontrollieren kamen, war das kein besonderes Symbol. Hirten sah man mit ihren Schafherden häufig. Und außerdem kannte man den guten Hirten auch sonst aus der heidnischen Mythologie. Dass ein Symbol doppelt besetzt ist oder von den Christen anders verstanden und neu gefüllt wurde, sagt m. E. überhaupt nichts über die besondere Bedeutung dieses Symbols.

Bei einem Hirten, der ein Schäfchen auf seinen Schultern trug, dachten die Christen natürlich an den Psalm 23 und an Johannes 10 – und natürlich an den, der gesagt hat: „Ich bin der gute Hirte.“

Und gerade in den Katakomben ist das Symbol des guten Hirten ein Hinweis auf Jesus, der die Macht hat, uns aus dem Ort des Todes hinauszutragen in die neue Realität Gottes.

Martin Buber hat in seiner berühmten Übersetzung des AT die Stelle aus Psalm 23, die wir aus der Lutherübersetzung so kennen: „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal“ so übersetzt: „auch wenn ich gehen muss durch die Todesschattenschlucht, fürchte ich nichts Böses, denn du bist bei mir.“ Das ist nicht nur eine geniale Sprache – ahnen wir oder wissen wir, was das bedeutet, wenn ich den guten Hirten bei mir weiß – auch in solch einer Situation?

2. Hier kommt das 2. ins Spiel, was uns der Segen mitgeben will auf den Weg im Neuland der nächsten Tage: Gewissheit.

Neben dem Frieden mit Gott nennt der Schreiber des Hebräerbriefes den Bund, den Jesus für uns am Kreuz geschlossen hat.

Wenn wir als Christen das Wort Bund hören, denken wir natürlich an den Taufbund. Dort in der Taufe begann der Bund in unserem Leben eine Rolle zu spielen – egal ob wir daran eine Erinnerung haben oder nicht.

Wir dürfen heute in diesem Gottesdienst die kleine Finia Oehme taufen. Ich weiß nicht, ob uns immer klar ist, was da in der unsichtbaren Welt Gottes bei einer Taufe geschieht? Gott müsste uns einmal die Herzensaugen erleuchten, damit wir sehen können, was da in der unsichtbaren Welt los ist. Die Taufe ist das größte Ereignis in einem Menschenleben. Hier wird der Taufbund geschlossen. Auch wenn die kleine Finia sich später nicht an diesen Sonntag und ihre Taufe erinnern kann – wichtig für sie ist es zu wissen, dass sie getauft ist und dazu gerufen ist, in diesem Taufbund zu leben.

Was steht hinter dem Taufbund? Hinter dem Taufbund steht genau das, was der Hebräerbrief schreibt: „Gott hat Jesus von den Toten heraufgeführt durch das Blut des ewigen Bundes.“

„Gott hat“ – so beginnt dieser Satz vom Bund. Dieser Bund ist kein Vertrag, den zwei ausgehandelt haben. Dieser Bund, den Jesus am Kreuz mit seinem eigenen Blut besiegelte und der mit unserer Taufe in unserem Leben in Kraft trat, ist gültig. Und diese Gültigkeit gründet nicht auf meiner Bekehrung, nicht auf meinem Bekenntnis, nicht auf meiner Entscheidung oder die meiner Eltern und Paten – sondern allein weil Gott gehandelt hat. „Gott hat Jesus von den Toten heraufgeführt durch das Blut des ewigen Bundes.“

Liebe Gemeinde, das ist wichtig. Was machen wir denn, wenn wir wieder in Sünde gefallen sind, wenn wir wieder zweifeln, wenn wir wieder weit weg sind von Gott? Uns kann das, was wir sicher im Glauben zu haben meinen, von jetzt auf dann aus den Fingern gleiten. Was wissen wir denn, was in unserem Leben noch auf uns zukommt?

Darum ist es für uns und unseren Glauben so wichtig, dass wir wissen: Der Bund ist geschlossen. Der Bund besteht. Der Bund ist nicht gekündigt. Diesen Bund hat Gott geschlossen – und nur er könnte ihn aufheben.

„Gott hat Jesus von den Toten heraufgeführt durch das Blut des ewigen Bundes.“ Das ist die Basis, auf der Gott verhandelt. Und nun lass dir deinen Glauben daran neu entzünden. Lass daraus Gewissheit entstehen. Der Bund ist gültig. Auch für mich. Ich muss nicht irgendwelche Rituale oder Klimmzüge machen.

Aber nun lebe auch in diesem Bund. Gehe Schritte des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung.

3. Damit sind wir beim dritten, was uns der Segen mitteilen und vermitteln will. Jesus, der gute Hirte – hier wird er der große Hirte genannt. Er schafft uns Frieden mit Gott, gibt uns Gewissheit, dass der Bund besteht. Und er schickt uns ins Leben, indem er uns „tüchtig macht in allem Guten“.

Bitte nehmt euch nicht vor, in der neuen Woche die Welt zu retten und allen Menschen nur noch Gutes zu tun.

Lassen Sie sich von Jesus einen Menschen zeigen, dem Sie etwas Gutes tun sollen

– einen, der Ihnen vielleicht nicht besonders nahe steht, der Ihnen aber gezeigt wird

– einen, dem Sie eine Liebe erweisen, die Sie sonst nicht tun würden und könnten

– einen, an dem Sie merken, das Gute kam nicht aus mir selbst, sondern ging durch mich hindurch.

Ist es nicht ein großes Vorrecht, liebe Gemeinde,

zu dieser Friedensbewegung gehören zu dürfen,

von diesem Bundesverhältnis immer neu ausgehen zu dürfen

und damit fest zu rechnen, das Gott durch uns Gutes wirkt?

Ist es nicht ein Vorrecht, als ein Gesegneter nach Hause, in die neue Woche, in ungewisse Zukunft und widrige Umstände  gehen zu dürfen?

Der Gott des Friedens aber schaffe in uns, was IHM gefällt.

 

Amen

 




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