Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Jubilate 2008

Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde!

 

Folgende kleine Szene spielte sich in der Schule ab. Sie erinnern sich an Ihre Schulzeit? Der Lehrer fragt nach, ob jemand von den Schülern wenigstens etwas von der letzten Stunde behalten hat. Meistens hat er damit keinen großen Erfolg. Nur wenn Prüfungen näher rücken, ist die Erfolgsquote etwas höher.

Also – es war in einer Unterrichtsstunde. Die Klasse war dabei, die Geschichte der modernen Kommunikationsmittel zu behandeln. Alles hatte mit dem Telefon begonnen. Das Telefon war das erste Gerät, das es Menschen ermöglichte, über große Distanzen miteinander zu sprechen.

Und so fragte die Lehrerin: „Wo stand das erste Telefon?“  Klein-Erna meldete sich und wurde aufgerufen. „In Nöten“ lautete ihre Antwort. „Wieso in Nöten?“ fragte die Lehrerin zurück. „Meine Mutter hat heute Morgen aus dem Losungsbuch vorgelesen und da stand: Und bist du in Nöten, so rufe mich an.“

Heutzutage empfinden und erleben wir die modernen Kommunikationsmittel ja nicht durchweg als einen Segen. Es nervt einfach, wenn wieder irgendwo ein Handy klingelt und es ist unhöflich, wenn während eines festlichen Essens und inmitten eines interessanten Gespräches wieder eine das Telefon zückt und redet und redet – so als ob die anderen einfach nicht da wären. Man könnte fast meinen, dass die kleine Erna heute immer noch Recht hat mit ihrer Antwort: Das erste Telefon stand in Nöten und steht immer noch dort.

 

Aber nun Spaß beiseite. Wenn wir in Nöten sind, wenn wir uns in unserem Leben in einer wirklichen Notsituation befinden, dann können wir Gott wirklich beim Wort nehmen und IHN anrufen. Und es ist gut, wenn wir dann ein Gebet kennen, mit dem wir Gott anrufen können.

Ich bin mir sicher, dass viele von den ehemaligen Konfirmanden den Psalm 23 in ihrer Konfirmandenzeit gelernt haben. Und viele werden diesen Psalm auch noch kennen. Dieser Psalm ist ein vielfach erprobtes Gebet. Und wenn Sie diesen Psalm vergessen haben – lernen Sie ihn wieder. Er ist so eine Art Gebetsration für schwere Stunden.

Für die diesjährige Jubelkonfirmation habe ich mir einen Vers aus diesem Psalm ausgesucht, über den ich predigen möchte:

„Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (PS 23,4)

Damit es wieder anschaulich wird, habe ich einige Stecken und Stäbe mitgebracht und neben mir postiert. Auch ist mir aufgefallen, dass unsere Muttersprache einige  Lebenssituationen in Redensarten aufgefangen und festgehalten hat.

A. Wenn einer nur noch mit Mühe und unter Schmerzen vorwärts kommt, dann sagt er: „Ich gehe am Stock.“ „Ich gehe am Stock“ sagt man aber auch im Allgemeinen, wenn es einem nicht gut geht, wenn man überlastet ist, wenn die Probleme und Nöte übermächtig werden. Keiner braucht einem zu erklären, welche Situation hinter dieser Redensart steht. Man hat sofort einen Menschen vor Augen, der tief gebeugt und am Stock geht.

B. „Über jemand den Stab brechen“ sagt man, wenn jemand einen anderen verurteilt. „Mit dem bin ich fertig. Mit dem will ich nichts mehr zu tun haben.“ Früher wurde vor der Vollstreckung eines Todesurteils über dem Delinquenten „der Stab gebrochen“. Wenn man den Stab brach, sagte man damit: Dieser Mensch hat sein Leben vor der irdischen Gerechtigkeit verwirkt.

C. „Der hat ja selber Dreck am Stecken!“ Diese Redeweise hört man in letzter Zeit wieder öfters. Ich brauche den Sachverhalt gar nicht mit Beispielen zu belegen. Wenn einer über andere herzieht und den anderen bloßstellt und anprangert und selbst nicht astrein ist, sagt man: „Der hat auch Dreck am Stecken“.

Dreck am Stecken haben – das meint: etwas Schlimmes, Verwerfliches, Kriminelles getan zu haben – etwas auf dem Gewissen zu haben.

D. Schließlich fiel mir noch eine Redensart in diesem Zusammenhang ein. Wenn man einfach so querfeldein geht, ohne sich nach irgendwelchen Wegen zu richten, sagt man: „Ich gehe über Stock und Stein.“ Diese Redeweise kommt aus dem Mittelalter. Damals wurden Gemeindegrenzen mit Stöcken und Landesgrenzen mit Steinen gekennzeichnet. Wenn also jemand über Stock und Stein lief, dann hatte er Grenzen überschritten.

 

Und nun frage ich mich und uns: Kommen diese Situationen, die von den zitierten Redensarten festgehalten wurden, nicht auch zuweilen in unserem Leben vor?

- Werden manchmal die Problem und Nöte so groß, das man am Stock geht?

- Sind wir manchmal nicht alle versucht, über einen Menschen ein letztes Urteil zu sprechen – über ihm eben den Stab zu brechen?

- Zeigen nicht auch wir manchmal auf andere und haben selber Dreck am Stecken?

- Und überschreiten wir nicht allzu oft unerlaubt Grenzen?

Wir alle habe es nötig, dieses Gebet aus PS 23 zu lernen:

„Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (PS 23,4)

 

1. Hinter diesem Psalm steht ein malerisches Bild. Wir können dieses Bild jetzt gerne vor unserem inneren Auge erstehen lassen. Auf Bildern mit Schäferszenen sieht man immer wieder einen Hirten ruhig in der Landschaft stehen. Er stützt sich gemütlich auf seinen Hirtenstab. Die Schafe grasen und haben keine Angst. Solange sie den Hirten auf seinen Stab gestützt sehen, besteht keine Gefahr.

„Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (PS 23,4)

So dürfen wir Jesus Christus kennenlernen. Er ist unser guter Hirte. In seiner Nähe erleben wir eine außergewöhnliche Geborgenheit. Man kann sie nicht erklären. Aber wenn wir in seiner Gegenwart sind und seine Nähe spüren, sind wir geborgen, auch wenn um uns herum die Hölle tobt.

Von einem jungen Mann las ich, der sich nach dem Glauben in Kindertagen zurücksehnte. Er schrieb von einem Erleben, das er immer wieder bei seiner Mutter beobachtete – und er wünschte sich diese Erfahrung selbst zu haben. „Wenn Mutter betete, konnten neben ihr die Bomben einschlagen, es hätte sie nicht gestört“. Da war Frieden in einem einzigen Gebet. Keine Einbildung. Eine reale Erfahrung. Jesus der gute Hirte – er ist da. Sein Stecken und Stab trösten mich.

2. Der Psalm 23 beschreibt u.a. eine Situation, von der wir alle wissen, sie aber nicht unbedingt veröffentlichen. „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal“ heißt es da.

Das finstere Tal kann Verschiedenes bedeuten: die Angst vor der Zukunft, die Last einer persönlichen Schuld, die Ausweglosigkeit einer Situation, Leid in der Familie, Krankheit, die Ohmacht vor dem Tod. Im finsteren Tal verschlägt es einem die Sprache. Man wird blind für die Zeichen der Güte und Liebe. Andere wollen einem helfen und es dringt nichts zu uns. Wir sehen das Gute nicht mehr.

Lassen wir uns von Psalm 23 mitnehmen und lernen wir bei ihm beten. Wenn ein Hirte mit seinen Schafen durch ein tiefes Tal zog, an dessen Sohle es wirklich dunkel war, sahen die Schafe den Hirten nicht mehr – aber sie hörten ihn. Sie hörten beim Gehen seinen Stab.

Von daher wurde der Hirtenstab für uns zum Bild für das Wort Gottes, das man auch im Dunkel des Lebens hören kann.

„Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (PS 23,4)

Gottes Wort kann schlagartig eine Situation ändern und neu beleuchten. Gottes Wort will uns anzeigen: Der gute Hirte ist da. Jesus ist bei mir. Höre die Signale des guten Hirten!

3. Der Hirtenstab dient dem Hirten oft auch als verlängerter Arm. Da drängelt sich ein Schaf immer an die beste Stelle. Und manche suchen stets Streit. Wieder andere bocken ständig. Und das eine Schaf läuft immer vorneweg und die anderen jagen hinterher, ohne den Weg zu kennen. Gefahr für die anderen besteht. Der gute Hirte muss eingreifen. Er gebraucht seinen Hirtenstab und korrigiert den Einzelnen. Mit dem Hirtenstab lenkt er, weist zurecht und sorgt für Ruhe und Ordnung. Drückt damit in Flanken, treibt auseinander, schiebt zur Seite. Es gibt viel zu tun für den Hirtenstab.

In diesem Sinne hat Gottes Wort immer auch eine korrigierende und führende Funktion. Wenn ich aus der Reihe tanze, muss Gott mich korrigieren. Wenn ich aus der Rolle falle, wird es so sein:  Sein Wort (das mich trifft) schmerzt. Dann tut Gottes gutes Wort auch einmal weh. Aber es ist nötig – für mich selbst und für die Gemeinschaft. Sein Wort heilt – es macht gesund. Der gute Hirte will mich führen und zurecht bringen.

Und manchmal wagt sich ein Schaf zu weit vor. Es steht am Abgrund. Und der Hirte hat nur noch eine Möglichkeit – den Stab verkehrt herum benutzen, das Schaf am Hals fangen und zurückziehen. So wird der Hirtenstab zur Rettung gebraucht. Mit dem Hirtenstab wird gerettet. Damit wir gerettet werden, brauchen wir den guten Hirten, der uns packt und zu sich zieht. „Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (PS 23,4)

4. Ein Hirte gebrauchte seinen Stab schließlich auch als Waffe – nicht jedoch gegen seine Schafe, sondern gegen die Feinde seiner Herde. In diesem Sinn ist der Hirtenstab ein Bild für den Schutz und die Geborgenheit.

Wenn am Abend die Schafe in den Pferch getrieben wurden, gab es eine schmale Tür. In diese Tür hockte sich der Hirte und hielt seinen Hirtenstab quer, sodass die Schafe nur einzeln hinein kamen. Sie wurden gezählt, dass nicht eins fehlt. Und beim Zählen schaute sich der Hirte das einzelne Schaf an. Er wollte wissen, ob keines verletzt und jedes gesund ist.

Das will uns, liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde, der Hirtenstab sagen: Jesus Christus ist unser Schutz und unsere Geborgenheit. Es gibt einen, der sich um uns kümmert. Es gibt einen, der sich um uns sorgt, der will, dass es uns gut geht. Brauchen wir nicht alle Schutz in unserem Leben? Suchen wir nicht alle nach letzter Geborgenheit?

Vielleicht teilen Sie diese Beobachtung mit mir: Je älter man wird, um so weniger wird wirklich wichtig. Die Dinge scheinen sich zu vereinfachen. Aber manche Dinge werden auch größer. Man wird sensibler, ängstlicher, fragender.

Lernen wir jetzt in Wahrheit und ganz persönlich dieses einfache Gebet zu beten: „Du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.“ (PS 23,4)

 

Der große Theologe Karl Barth, der eine dicke Dogmatik über den christlichen Glauben geschrieben hat – sich also mit über einem Meter Bücherrücken die kompliziertesten Dinge des christlichen Glaubens durch den Kopf gehen ließ, wurde als alter Mann nach seinem Glauben gefragt. Nachdem er ein langes Gelehrtenleben hinter sich hatte, sollte er sein persönliches Glaubensbekenntnis formulieren. Und er antwortete mit der Liedstrophe von Henriette Marie Luise von Hayn.

 

Weil ich Jesu Schäflein bin,

freu´ ich mich nur immerhin

über meinen guten Hirten,

der mich wohl weiß zu bewirten,

der mich liebet, der mich kennt

und bei meinem Namen nennt.

 

So einfach und schön,

so tiefschürfend und helfend,

so real und lebensnah

kann der Glaube sein.

 

Amen

 




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