Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Predigt am 8.Sonntag nach Trinitatis

Text: Römer 6,19-23 19 Ich muss menschlich davon reden um der Schwachheit eures Fleisches willen: Wie ihr eure Glieder hingegeben hattet an den Dienst der Unreinheit und Ungerechtigkeit zu immer neuer Ungerechtigkeit, so gebt nun eure Glieder hin an den Dienst der Gerechtigkeit, dass sie heilig werden.

20 Denn als ihr Knechte der Sünde wart, da wart ihr frei von der Gerechtigkeit. 21 Was hattet ihr nun damals für Frucht? Solche, deren ihr euch jetzt schämt; denn das Ende derselben ist der Tod. 22 Nun aber, da ihr von der Sünde frei und Gottes Knechte geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, dass ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben.

23 Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.

 

Liebe Gemeinde!

 

Man sagt, der Römerbrief sei das theologische Testament des Apostels Paulus. (G.Bornkamm) Hier finden wir seine geistlichen Erfahrungen, die aus der Jesus-Begegnung vor Damaskus und den Erfahrungen seines Dienstes resultieren, gebündelt und reflektiert. (Summe E.Lohse) Klaus Vollmer bemerkt zu diesem Brief: „Er sei der gewaltigste und machtvollste Brief, den die Christenheit je hervorgebracht und die Menschheit je erhalten hat.“8

Dieser Brief ist eine Art Testament. Menschen schreiben Testamente, um ihren letzten Willen zu bekunden. Nicht selten werden im Testament auch Gedanken und Botschaften zusammengefasst. Oft ist ein Testament wie ein Brennglas, das den Lebensweg eines Menschen bündelt. Wenn ein Testament eröffnet wird, steigt die Spannung. Was wird zu lesen sein? Was ist wichtig? So lauten u.a. die Fragen. Wenn wir dieses Testament des Apostels Paulus öffnen und lesen, sollten wir dazu drei Dinge mitbedenken, die ich vorausschicken will.

1. vorausschickende Bemerkung:  Dieser Brief ist an die Gemeinde in Rom geschrieben. Das ist keine selbstverständliche Nebenbemerkung. Die Stadt Rom war damals das Zentrum des Imperiums Romanum. Hier lebte der Kaiser. Hier tagte der Senat. Von Rom gingen die Befehle und Armeen in alle Länder. Hier sammelten sich alle möglichen und unmöglichen Kräfte der Macht, der Religion, der Kultur und der Künste.

Rom war in jeder Hinsicht ein Schmelztiegel. Was immer in diesem Weltreich vorkam – das kam auch in Rom vor. Rom war seinerzeit eine Millionenstadt. Die Stadt quoll über von Menschen aus aller Herren Länder und Rassen. Die Hauptstadt des Reiches befand sich in einem immerwährenden Bauzustand. Augustus soll  gesagt haben. „Eine Stadt aus Ziegeln fand ich vor und eine Stadt aus Marmor und Gold hinterließ ich.“ Auf den 7 Hügeln wurden die herrlichsten Villen gebaut. Auf dem Forum Romanum standen die prächtigsten Tempel. Am Tiber wurde der Morast entwässert. Rom schuf sich gerade die galantesten Bäder und bot in den Gladiatorenkämpfen dem Volk das große Spiel. Eine gewaltige Unterhaltungsindustrie hielten die römischen Kaiser am Laufen, um das Volk ruhig zu halten. (Brot und Spiele)

Bis heute hat die Stadt Rom etwas Anziehendes und Faszinierendes an sich. Immer noch wirken in mir die Eindrücke unserer diesjährigen Gemeindereise nach. Ich habe mir darum im Urlaub den Römerbrief als Lektüre gegönnt und dazu einen Kommentar gelesen. Schon sehr früh gab es in Rom eine christliche Gemeinde. An diese Gemeinde schreibt Paulus diesen Brief – sein geistliches Testament. Es verwundert darum überhaupt nicht, dass dieser Brief im Laufe der Kirchengeschichte immer neue Impulse setzte. Ich will nur vier Namen nennen, bei denen Gott durch den Römerbrief entscheidende Weichen stellte: Augustin, Martin Luther, John Wesley und Karl Barth.

2. vorausschickende Bemerkung: Im Römerbrief entfaltet Paulus das Evangelium von der Gerechtigkeit Gottes, die uns durch den Glauben geschenkt wird. Dreh- und Angelpunkt des Evangeliums ist das Golgatha-Geschehen. Hier fand die größte und gewaltigste Kraftanstrengung Gottes statt, die es jemals zwischen Himmel und Erde gab und die immer nur mit ohnmächtigen Händen von uns Menschen empfangen werden kann. Am Kreuz wurden die unnahbare Heiligkeit Gottes und die in sich gekrümmte Verlorenheit des gottlosen Menschen zusammengeliebt.

Hier am Kreuz hat sich Gott als wirklich mächtig erwiesen, als er sich zum Opfer in die Hölle des Menschen hineingab. Als Jesus schrie „Es ist vollbracht!“ – war das größte Ereignis in Raum und Zeit passiert, das schließlich in alle Ewigkeit hineinwirkt und hineinreicht. Nun ist Rettung für alle möglich.  Nun müssen wir Menschen uns nicht mehr um eine Gerechtigkeit mühen, die vor Gott Gültigkeit besitzt. Nun ist Jesus die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt. Es kommt nun darauf an, dass wir darauf vertrauen. Die Gerechtigkeit Gottes kommt aus Glauben in Glauben.

Heute hat sich eingebürgert, dass man „Evangelium“ mit „Gute Nachricht“ übersetzt. Das ist wohl wahr. Das Evangelium – dieses Evangelium – ist eine gute Nachricht. Dennoch schwächt diese Übersetzung die Wirklichkeit viel zu sehr ab. Zur Zeit des Apostels Paulus gehörte der Begriff „Evangelium“ nur zur Sprache des römischen Kaisers. Die Botschaften, die vom Kaiser ausgingen, hießen „Evangelium“ – unabhängig davon, ob ihr Inhalt bei den Leuten gut oder schlecht ankam. Was vom Kaiser kam, das war nicht bloß eine Nachricht, eine Information. Es hatte zu geschehen. Es war Tat.

Wenn die biblischen Zeugen diesen Begriff „Evangelium“ aufgreifen, dann wollen sie damit sagen: Was die Kaiser, die sich für Gott ausgeben, zu Unrecht beanspruchen, das geschieht seit Golgatha zu Recht. Jetzt wird das Evangelium bis an das Ende der Welt verkündigt. Und diese Verkündigung ist nicht bloß Information, Mitteilung – sie ist Aktion. Das Evangelium ist wirksame Kraft, die rettet, heilt und die Welt verändert.

3. vorausschickende Bemerkung: Der Römerbrief ist ein Brief an Christen – an Getaufte und Glaubende. Alles was Paulus zu sagen hat, das weiß er immer nur aus der Begegnung mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Er hat hier nicht über die Menschen, über die Sünde, über  Gott und die Welt nachgedacht,  um es dann in einem Rundschreiben zu veröffentlichen. Er ist dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn begegnet. Oder besser: Der Herr ist ihm begegnet. Er hat sich ihm quer in den Weg gestellt. Und das nicht nur einmalig vor Damaskus. Daraus hat sich eine Beziehung, ein Leben mit diesem Herrn entwickelt. Aber dieses Damaskus-Ereignis hat ihm die Augen geöffnet. Paulus hat keine Meinung über die Dinge – sondern durch die Begegnung mit Jesus Christus bekam er eine christusgemäße Einsicht in die Zusammenhänge.

Es ist wie mit der Liebe. Selbst wenn man 100 Bücher über die Liebe studiert hat, weiß man nicht soviel über die Liebe wie einer oder eine, den die Liebe gepackt hat. „Glühen ist mehr als Wissen“ sagte der große Bernhard von Clairvaux.

Ich bin mit den Vorbemerkungen fertig und genau in der Mitte der Predigt. Ich meine es nicht nur zeitlich, sondern auch inhaltlich.

Von diesen drei Vorbemerkungen her erschließt sich das, was uns die 5 Verse aus dem Römerbrief sagen wollen.

Im 5. Kapitel ist Paulus sozusagen auf dem Gipfel des Berges angekommen. Nun eröffnen sich herrliche Aussichten. Er schreibt in den Kapiteln 6-8 von den drei großen Freiheiten eines Christen: Von Freiheit gegenüber der Sünde (6), von der Freiheit gegenüber dem Gesetz (7) und von der Freiheit gegenüber dem Tod (8).   

Wenn wir frei sind von der Sünde (dies buchstabiert Paulus im 6. Kapitel durch), dann sind wir A. frei, unser Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen; dann sind wir B. frei, unser Leben von Christus her verändern und neu gestalten zu lassen; und dann sind wir C. frei, die Gabe/Gaben Gottes zu empfangen.

Zu A. Diese Freiheiten, von denen Paulus hier schreibt, sind keine Allerweltsfreiheiten – sie gibt es nur durch Jesus und in Jesus Christus – denn, so betont das Paulus gleich am Anfang seines Briefes: Der Mensch – jeder Mensch – ist seit Adam unter der Sünde.  Gleich im ersten Kapitel muss der Leser des Römerbriefes diese schreckliche Wahrheit zur Kenntnis nehmen: „Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben.“

Was heißt das? Erst wollte der Mensch selbstherrlich sein und nun gibt ihn Gott dahin – nun muss der Mensch selbstherrlich sein. Erst wollte der Mensch über sich verfügen – nun muss er über sich selbst verfügen. Erst wollte der Mensch sich selber lieben – nun muss er sich selber lieben und findet dabei nie das, was er sucht. Erst wollte der Mensch im Mittelpunkt stehen – nun muss er sich dauernd nur um sich selbst drehen und kommt nicht weiter, als nur bis zu sich selbst.

Hier liegt das Unheimliche der Sünde. Der Mensch will ein Leben ohne Bindung an Gott führen. Und auf dieses Begehren reagiert der heilige Gott, indem er den Menschen sich selbst überlässt. In unserem Sprachgebrauch ist der Begriff Sünde weithin moralisiert und damit wurde die Sache Sünde banalisiert. Nicht die Sünde ist das Schlimme an der Sünde, sondern dass Gott aktiv auf die Sünde reagiert. Gott hat den Mensch losgelassen – er hat ihn an sich selbst delegiert – ihn dahingegeben.

Und was passiert? Der Mensch muss nun selbst Gott spielen. Dieses Drama ist ein Dilemma, in dem wir uns befinden. Der Mensch kann zwar seinen Mist, den er baut, bereuen und gute neue Anfänge probieren, aber das schafft sein Dahingegebensein nicht aus der Welt. Jedes Problem, ob im Wirtschaftlichen, im Sozialen, im Geistigen, im Politischen offenbart, das die Nöte groß sind. Und kaum ein Mensch kommt dabei auf die Idee, dass in diesen Problemen Gott sein Urteil mitgesprochen haben könnte. Wir wundern uns nur, dass bei der Lösung der Probleme immer neue und größere Probleme entstehen. Das Letzte an einem Problem ist eben nicht die Lösung des Problems. Das Problem bekommt urplötzlich Junge. 

Und Paulus wagt den Blick nach vorn – er sagt: In diesem Zusammenhang kann die Geschichte nur in der Niederlage, im Zusammenbruch, im Tod enden. Was machen wir? Was macht man, wenn man ins Rutschen gerät? Bekommt man Halt, wenn man sich am Schlips oder an der Nase festhält?

Nein, sagt Paulus – und nun fährt er nicht mit Theorien fort. Er denkt im Hintergrund immer an etwas, was in seinem Leben (zeitlich: nach der Kreuzigung Jesu) passiert ist. Jesus ist in sein Leben eingetreten. Es hat ihn umgeschmissen und umgekrempelt. Und die Jesus-Begegnung reflektiert er hier.

Jesus wurde sein Herr und er wurde sein Sklave. So steht es wörtlich hier. Darum kann Paulus schreiben: Nun gebt eure Glieder an den Dienst der Gerechtigkeit hin. Das Thema lautet: Neues Leben, Bekehrung, Hingabe, Herrschaftswechsel.

Wer meint, dass alles könne er selbst erledigen und dabei auch noch ein wenig auf sich selbst stolz sein – der irrt und der verkennt den Zustand der Sünde, in den Gott uns dahin gegeben hat. Paulus spricht hier von einer Freiheit, die uns allein in Jesus geschenkt, gegeben und angeboten ist. Nur in Jesus haben wir die Freiheit, uns und unser Leben mit Leib, Seele und Geist diesem Herrn hinzugeben, den Herrschaftswechsel zu vollziehen. Aber nun dürfen wir es auch. Nun können wir es auch.

Zu B. Wenn ein Mensch sich, sein Leben, und alles was er hat, unter die Herrschaft Jesu stellt, dann hat das Folgen. Ein neues Sein hat begonnen und Erneuerung beginnt. Paulus schreibt es so: „Nun aber, da ihr von der Sklaverei der Sünde frei seid und Gottes Sklaven geworden seid, habt ihr darin eure Frucht, das ihr heilig werdet; das Ende aber ist das ewige Leben.“

Was sagt Paulus damit? Er sagt zunächst dies: Eine absolute Freiheit gibt es nicht. Wir Menschen sind Beziehungswesen. Wir können Freiheit immer nur in Beziehungen erleben. Und wieder – Paulus hat es persönlich erlebt: In der Beziehung zu Jesus hat er eine wirkliche Freiheit kennen gelernt.

Paulus gebraucht  in diesem Zusammenhang das Wort Dulos. Luther hat es mit Knecht übersetzt. Damals war der Dulos der Sklave. In Rom wusste jeder, was damit gemeint war. Ein Drittel der Einwohner Roms waren Sklaven.

Sklaven galten nicht als Menschen, sondern als Sachen. Man kaufte und verkaufte sie wie andere Gegenstände. Zum Sklaven wurde man entweder als Kriegsgefangener oder durch finanzielle Verschuldung oder  als Strafe für ein Verbrechen oder man wurde als Sklavenkind geboren.

Vielleicht sind wir geneigt zu denken, Sklaverei oder Knechtschaft gibt es heute nicht mehr. Das ist wahr. In einer Demokratie ist jeder Mensch ein freier Bürger. Und doch!

Gibt es heute nicht viele Menschen, die nicht mehr aus eigener Kraft von einer Sucht freikommen? Gibt es heute nicht genügend andere Zwänge, die den Menschen versklaven und knechten?

Damit ein Sklave frei wird, muss ein anderer kommen und ihn freikaufen. Eben das hat Jesus getan. Er hat uns befreit, damit wir IHM in Dankbarkeit dienen können. Er ermöglicht ein neues Leben.

Paulus weiß, dass mit Jesus alles im Leben neu geworden ist und zugleich sich jeder Christ in der Erneuerung befindet. Es sind nicht alle schlechten, falschen, bösen Gewohnheiten mit einem Schlag aus dem Leben vertrieben. In vielen Punkten muss der Herr lange an uns arbeiten. Aber – es gibt Veränderung. Paulus gebraucht hier das Wort Frucht. Frucht entsteht dort wo Leben ist. Wo Leben ist, geschieht Wachstum und Veränderung. Wachstum und Veränderung geschieht aber nur dort, wo wir in der Beziehung zu Jesus bleiben. Er selbst hat es in diesem wunderbaren Bild vom Weinstock und den Reben deutlich gemacht.

Wieder ist es so: Wir selbst können uns nicht verändern. Hier ist eine Freiheit angesprochen, die uns Jesus schenkt. Freiheit zur Veränderung, zum Wachstum, zur Erneuerung, zur Heiligung schenkt uns Jesus.

Zu C. Und worauf läuft die ganze die Sache des Christenlebens hinaus? „Denn der Sünde Sold (der Lohn, die Bezahlung)  ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.“

In Rom bekam jeder Soldat seinen Sold und der Arbeiter – auch der Sklave – bekam Lohn. Anders wäre es nicht möglich gewesen, dass sich Sklaven selbst freikaufen konnten. Wieder sind wir zunächst geneigt, die Gedanken des Paulus in längst vergangene Zeiten zu platzieren. Aber ganz an dem ist es wohl doch nicht. Die Erfahrung von Arbeit und Lohn prägt unser tägliches Leben oft mehr als uns lieb ist.

Achten wir auf das, was der Apostel schreibt, dann merken wir, dass diese Logik in Bezug auf Gott nicht aufgeht. Vor Gott können wir uns nicht auf unsere Verdienste berufen und Ansprüche anmelden. Auf ein Leben ohne Gott trifft diese Logik zu. Wer ohne Gott lebt, erntet den Tod.

Wie ist das aber mit dem ewigen Leben? Wie bekommen wir ewiges Leben? Paulus sagt: Nur indem wir es uns schenken lassen. „Die Gabe Gottes ist das ewige Leben.“ Diese Freiheit hat uns Jesus eröffnet. Gottes Gabe / Gottes Gaben zu empfangen, dazu bedarf es einer Freiheit, die uns Jesus schenkt.

Ich wiederhole und fasse zusammen. Von drei großen Freiheiten haben wir heute gehört. Wenn wir frei sind von der Sünde, dann sind wir A. frei, unser Leben unter die Herrschaft Jesu zu stellen, dann sind wir B. frei, unser Leben von Christus her verändern und neu gestalten zu lassen und dann sind wir C. frei, die Gabe/Gaben Gottes zu empfangen.

Sollte da nicht jeder von uns sagen: „Diese Freiheit nehme ich mir?“

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

 

Herzlich danke ich Klaus Vollmer. In seinem Buch „Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes“ fand ich wertvolle Gedanken für diese Predigt.

 




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