Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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13. Sonntag nach Trinitatis

Text: Apg 6,1-7                              

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.

2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.

3 Darum, ihr lieben Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Heiligen Geistes und Weisheit sind, die wir bestellen wollen zu diesem Dienst.

4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.

5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Judengenossen aus Antiochia.

6 Diese Männer stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten die Hände auf sie.

7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.

 

 

Liebe Gemeinde!

 

Anfang und Schluss unseres Predigttextes bezeugen eine wunderbare Tatsache. Von einer wachsenden Gemeinde ist die Rede. „In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm,…“ und „das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger wurde sehr groß.“  Klingt das nicht in den Ohren eines jeden Christen hoffnungsvoll? Müssten nicht die Verantwortlichen der Kirche hier genau hinhören? Rührt das nicht auch in uns eine Saite an, wenn wir um Erweckung und Erneuerung der Kirche beten?

Wodurch bekam der christliche Glaube Durchschlagskraft? Wie kam es, dass sich das Christentum in so kurzer Zeit so weiträumig im Imperium Romanum ausbreiten konnte und bis heute weltweit die größte Glaubensgemeinschaft ist?

-         Angesichts dessen, dass am Beginn dieser Bewegung, die man heute Christentum nennt, nur ein Wanderprediger aus der Provinz Galiläa und ein paar Fischer vom See Genezareth standen.

-         Angesichts einer völlig unvorteilhaften Ausgangslage. Der neue Glaube begann am äußersten Rande eines Weltreiches – zumal in einer Gegend, die immer unruhig und für die Römer schwer beherrschbar war.

-         Angesichts der Tatsache, dass das Terrain des Glaubens damals im Imperium Romanum bereits flächendeckend durch den Götter- und Kaiserkult besetzt war.

-         Angesichts der Tatsache, das es zur Zeitenwende im Imperium Romanum ein Überangebot und eine kaum durchschaubare Vielfalt von philosophischen, kulturellen und religiösen Angeboten gab.

Was machte das Christentum so überzeugend? Mir sind dazu 6 Beobachtungen und grundlegende Gedanken gekommen.

1. Die Christen hatten eine klare, verständliche Botschaft. Sowohl für den Sklaven, als auch für den normalen Bürger, als auch für den Intellektuellen, als auch für den politischen Verantwortungsträger war diese Botschaft ansprechend. Und vor allem: die neue Botschaft war nicht nur etwas für den Verstand – sie bezog das Leben mit ein. Das Evangelium zielt auf eine befreiende Erfahrung der ganzen Person. Römer 1,16 „Das Evangelium ist eine Kraft Gottes, die alle rettet, die daran glauben.“

2. Die Christen lebten eine verbindliche Gemeinschaft. Der neue Glaube überwand die sozialen und kulturellen Unterschiede – und das aus der Einsicht, dass jeder Mensch vor Gott gleich wertvoll ist. Der Hauptakzent der neuen Gemeinschaft lag daher auf der dienenden Liebe. Unterschiede wurden nicht glatt gehobelt (geht auch gar nicht) oder ignoriert (ist gefährlich), sondern miteinander versöhnt. Galater 3,28 „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

3. Die Christen hatten eine gemeinsame Mitte. Diese Mitte, auf die sie sich bezogen, war keine Idee, keine Lehre, keine Verhaltensregel, keine menschliche Gründerpersönlichkeit – sondern der auferstandene Herr. Jesus war und ist die Mitte des Christentums. Er war und ist von jedem zu jeder Zeit erreichbar. Das kann man von keiner menschlichen Person sagen. Wichtig für diese neue Bewegung war, dass der einzelne Glaubende in einer persönlichen und direkten Vertrauensbeziehung zu Jesus Christus stand und Erfahrungen mit ihm machte. 1. Korinther 3,11 „Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.“

4. Die Christen bezeugten ihren Glauben bodenständig. Wohl ist ihr Glaube nicht in dieser Welt verankert, sondern in Jesus, dem auferstandenen Herrn. Aber dennoch konnten sie konkrete Bezüge zu dieser Welt herstellen. Auf die Orte der Erlösung konnten sie hinweisen. Der christliche Glaube ist keine Mythologie oder Götterfantasie. Das Kreuz stand wirklich auf diesem Globus. Und den Wegen der Apostel kann man heute noch nachspüren. 1. Johannes 1,1-3 „Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, … das bezeugen und verkündigen wir euch.“

5. Die Christen entwickelten eine durchschaubare und funktionierende Struktur. Der auferstandene Herr selbst gab seiner Gemeinde eine Dienststruktur. Epheser 4,11 „Und er hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer.“ Von hier aus entwickelte sich mehr. Die Christen waren vernetzt und gut organisiert – sowohl vor Ort, als auch regional, als auch weltweit. Diese lokale und globale Verbindung beruhte nicht auf einem genialen Management, sondern entstand im Flussbett des Auftrages: Matthäus 28,19  „Geht hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker.“

6. Die Christen lebten in einer großen inneren Freiheit und hatten Lebensfreude und Leidensstärke. Dass sie sich nicht von ihrer dekadenten, genusssüchtigen Umgebung verführen, nicht vom Spott der anderen weichklopfen, nicht von versucherischen Versprechungen erpressen ließen und selbst angesichts des Todes (Nagelprobe) den Glauben an ihren Herrn nicht verleugneten, das brachte Viele zum Nachdenken. Und es machte neugierig, dass das neue und ewige Leben, das hier bezeugt wird, keine Einbildung und Theorie ist. 1. Johannes 5,11 „Und das ist das Zeugnis, dass uns Gott das ewige Leben gegeben hat, und dieses Leben ist in seinem Sohn.“

Das – und sicher noch viele andere Faktoren – trug dazu bei, dass am Anfang die Gemeinde Jesu wuchs und wuchs und wuchs.

Könnte man heute nicht angesichts solcher Idealzustände ins Schwärmen kommen – angesichts der schrumpfenden Gemeindegliederzahlen und der Rotstiftaktionen der Kirchenleitungen?  Was müssen in der Urgemeinde für paradiesische Zustände geherrscht haben?! Die geistliche Frühlingsluft war rein und klar. Es herrschte strahlender Sonnenschein. Nichts trübte das Gemeindewachstum. Alles funktionierte im vollen Segen. Die Sache mit dem Evangelium ging voll ab. Die Heiden hatten gar keine andere Wahl, als sich massenweise zu bekehren.

Zu einer solchen traumhaften Beurteilung kann man aber nur kommen, wenn man fast 6 Verse aus der Bibel streicht. Und wer die 6 Verse, die er eben aus der Bibel herausgerissen hat, liest, der stellt fest: „Die Urgemeinde ist auch nicht mehr das, was sie einmal war.“ Von leeren Mägen ist hier die Rede, von harten Worten und von neuen Wegen. Mich interessieren jetzt genau diese 6 Verse  (von 1b – 6)

Da war eine Krise. Die Apostel analysierten die Situation und fanden eine zukunftsweisende Lösung. Krise, Analyse, Weichenstellung sind die Stichworte meiner Gedanken.

Wie ist das mit den griechischen und den hebräischen Juden gemeint? Die ersten Christen waren allesamt Juden. Das hing einfach damit zusammen, dass das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist und in Jerusalem seinen Anfang nahm. Wie ist das aber mit den griechischen und den hebräischen Juden?

Seit dem babylonischen Exil gab es nicht nur in Erez (Land) Israel Juden. Viele Juden hatten sich in den großen Städten der antiken Welt angesiedelt. Diese Diaspora-Juden mussten natürlich die Sprache des jeweiligen Landes lernen. Und da in der antiken Welt (bis hinein in die Zeit des römischen Weltreiches) Griechisch die Literatursprache war, waren auch die meisten Diaspora-Juden des Griechischen mächtig. Im Alltag wurde griechisch gesprochen und so verlernten die Juden in der Diaspora mehr und mehr die Sprache der Heiligen Schrift (hebräisch).  Wir wissen das z.B. von einem bekannten Juden, der zur Zeit des Apostels Paulus lebte: Philo von Alexandrien. Und dass den Juden eine griechische Übersetzung des Alten Testamentes vorlag (Septuaginta), beförderte diesen Prozess noch.

In Erez Israel dagegen sprachen die Juden zur Zeit Jesu und der der Apostel aramäisch. Das Aramäisch ist eng mit dem Hebräischen verwandt. Man könnte sagen: Aramäisch verhält sich zum Hebräischen wie z.B. Hochdeutsch zum Bayerischen. Man muss genau hinhören, wenn man es verstehen will.

Also: die Juden in Erez Israel sprachen Aramäisch und die Diaspora-Juden sprachen Griechisch. Welche Sprache man als Muttersprache spricht ist aber nicht nur ein reines Sprachproblem. Die Diaspora-Juden hatten durch ihre Sprache einen anderen Horizont als ihre Judengenossen in Israel. Die Juden in der Diaspora nahmen durch die griechische Sprache auch das griechische Denken auf. Und mehr und mehr  verloren sie ihre jüdische Identität. Und das ergab Spannungen, wenn die Diaspora-Juden in Jerusalem waren.

Und diese Spannungen setzten sich in der Urgemeinde in Jerusalem fort, denn es waren griechische Juden (aus der Diaspora) und hebräische Juden (aus Erez Israel) zum Glauben an Jesus gekommen. Vorerst schien alles in Butter. Aber im Untergrund schlummerte das Problem. An einem kleinen Nebenschauplatz begann das Problem laut zu werden. Man hatte die Witwen der Diaspora-Juden bei der täglichen Versorgung übersehen.

Es steht nicht hier, dass dies bewusst geschah. Aber schon die Tatsache, dass man diese Frauen übersehen hatte, deutet auf ein Problem hin, das im Untergrund schwelte. Eine zweite Entdeckung können wir hier anfügen. Die Gemeinde kümmerte sich um ihre schwächsten Glieder. Das war, wie wir eingangs sahen, eine ihrer Stärken. Nun kam es zum Stunk. Es erhob sich ein Murren in der Gemeinde. Die Krise war da.

Was geschah? Die Apostel riefen die Gemeinde zusammen. Und in aller  Öffentlichkeit sagten sie: Es wird uns einfach zu viel. Wir schaffen das nicht mehr.

Bis dahin hatten sie aller Wahrscheinlichkeit nach die Witwen versorgt und ihnen war das Missgeschick passiert. Nun legten sie das Kernproblem der Gemeindeversammlung vor: Es reicht nicht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen. Mit anderen Worten: Wir müssen etwas lassen und an andere delegieren.

Dass diese Analyse sowohl selbstkritisch als auch konstruktiv war, zeigt, dass etwas Gutes und Wegweisendes herausgekommen ist. 7 Diakone wurden gewählt. Es entstand ein neuer, spezieller Dienst in der Gemeinde Jesu. Was können wir aus diesem ganzen Geschehen lernen? 8 kurze Gedanken zu dieser Weichenstellung:

1. Die Apostel sind sofort hellhörig, wenn es um die Schwächsten geht. Das ist immer der Prüfstein einer Gemeinde. Der dienende Umgang mit den Schwächsten ist immer das Gütesiegel der Gemeinde. (Nicht die Geistesgaben, nicht eine schöne Kirche, nicht die festlichen Gottesdienste…) Unser Gott ist ein Gott, „der in der Höhe wohnt und auf das Niedrige sieht“ sagt Psalm 138.

2. Der Konflikt wird zur Sprache gebracht. Es wird nichts unter den Teppich gekehrt. Denn unter dem Teppich wird weder etwas geklärt, noch etwas in Ordnung gebracht. Es bleibt dort liegen, gärt, stinkt vor sich hin und vergiftet die Atmosphäre. Auch wenn es manchmal elende weh tut – oder andererseits auch Mut erfordert: Ein Konflikt muss zur Sprache gebracht werden. Wir reden ja sowieso darüber. Was uns innerlich drückt, dem geben wir Ausdruck. Wichtig ist aber, dass wir an der richtigen Stelle ohne Kritiksucht darüber reden, was uns Not macht.

3. Die Apostel suchen keine Schuldigen. Sündenböcke suchen  ist immer der einfachste Weg, sich einer fälligen Veränderung zu entziehen. Das heißt, wir müssen lernen zu unterscheiden: Was ist Versagen und Schuld und was ist eine neue Herausforderung von Gott?

4. Der Dienst am Wort und am Gebet einerseits – und die Diakonie (ich spreche hier bewusst nicht von Sozialarbeit) andererseits – werden  hier nicht gegeneinander ausgespielt. Aber es wird unterschieden. Die Diakonie des Wortes ist etwas anderes als die Diakonie des Tisches. Das heißt: Es ist doch etwas Schönes, wenn man die eigene Gabe erkannt hat und sie einbringt, und wenn man auch die Gabe des anderen anerkennt und sie zur Entfaltung kommen lässt.

5. Das Wort und die Tat brauchen einander. Die Apostel halten daran fest, dass  die Tat aus dem Wort kommt. Das heißt: Es geht in der Kirche nicht um bloße Sozialarbeit. Sondern unsere Aktionen brauchen geistliche Motive. Das Wort Gottes muss unser Herz entzünden, dass wir gehen und helfen.

6. Darum besinnen sich die Apostel auf ihren Dienst: Sie sagen: Wir werden im Gebet und im Dienst des Wortes verharren. Sie sagen also: Zuerst das Gebet. Sie lassen sich wieder zum Gebet rufen. Das lebendige Wort kommt aus dem Gebet. Von dort kommt alle geistliche Kraft.

7.  Das Wort Gottes wird neu entdeckt und auf den Leuchter gehoben. Dass die Apostel einen Dienst abgeben, geschieht im Interesse des Wort-Dienstes. Das Wort ist heute in der Mediengesellschaft zur Massenware geworden. Das ist das eine. Und Massenware ist billige Ware.  Aber das andere ist dies: Es gilt für uns Christen neu zu bedenken und zu hören: Das Wort Gottes ist nicht irgendein Menschenwort, sondern es ist Wort aus der Ewigkeit. Es wird einmal alles vergehen / Himmel und Erde werden vergehen – aber dieses Wort wird bleiben.

Martin Luther hat  einmal gesagt hat: „Gottes Wort ist unser Heiligtum und macht alle Dinge heilig. Gott wirkt durch das Wort – durch sonst nichts. Das Wort ist ein Wagen und Werkzeug im Herzen.“

8. Die Apostel bezogen die Gemeinde mit in die Entscheidungsfindung ein und ließen die Hauptaufgabe den Heiligen Geist erledigen. Sie nannten die Kriterien, wie die Diakone sein sollten und ließen die Gemeinde selbst auswählen. Dann aber wurden sie unter Gebet und Handauflegung in ihren Dienst eingeführt.

 

Was geschah daraufhin? Die Gemeinde wuchs und wuchs – wie zuvor.

Die Frage bleibt nun zum Schluss. Wollen wir nicht doch diese 6 Verse in der Bibel lassen und davon profitieren???

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

 




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