Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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2. Sonntag nach Trinitatis

Predigttext: Matthäus 11,28

Diese Predigt wurde zum Parkgottesdienst gehalten.

 

Liebe Gemeinde!

 

Jesus Christus spricht: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“  So lautet das Bibelwort, das über der neuen Woche steht. Es ist eine Einladung, die Jesus ausspricht. Er lädt uns ein - zu sich.

Vor meinem inneren Auge werden dabei gute Erinnerungen wach. Manchmal, wenn unsere Kinder zu Besuch kommen und die kleinen Enkelkinder die Treppe hoch gestiegen sind und uns Großeltern sehen, dann fangen sie plötzlich an zu rennen. Voller Freude laufen sie auf uns zu. Fast instinktiv beugen wir uns  auf ihre Höhe (oder gehen auf die Knie) und breiten die Arme aus, um sie zu empfangen.

Daran denke ich, wenn ich dieses Jesus-Wort höre. Ich stelle mir vor, dass er sich zu mir herab beugt und mich mit weit ausgebreiteten Armen erwartet. Und wenn ich in mich hinein höre, dann möchte ich auch so empfinden. Ich möchte mich genau so auffangen lassen von dieser einzigartigen Einladung: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ 

Dann aber schaltet sich mein Verstand ein und ich sage mir: Ich bin doch kein Kind mehr. Ich bin mittlerweile gewohnt, Einladungen; bunt verpackte Aufforderungen und einladende Gesten nicht einfach freudig und spontan zu folgen, sondern zu überprüfen. Ein Überangebot von Einladungen begegnet uns täglich. Die Zeitschriften, der Briefkasten und die elektronischen Medien sind voll davon.

Es ist ratsam, gedanklich drei Schritte zu gehen. Nicht jeder, der uns einlädt ist seriös. Manche wolle etwas ganz anderes, als was sie vorgeben. Und vieles, was uns angeboten wird, brauchen wir überhaupt nicht. Als erstes sollte man sich fragen: Bin ich überhaupt gemeint? Dann sollte man für sich klären: Wozu werde ich eingeladen? Und drittens muss die Frage erlaubt sein: Wer ist es eigentlich, der mich einlädt? Diese drei Schritte möchte ich jetzt auch in der Predigt über die große Einladung Jesu mit Ihnen zusammen gehen.

Die erste Frage: Bin ich überhaupt gemeint? Mehrmals im Jahr setze ich mich vor den PC und gestalte Einladungen. Plakate sollen Menschen auf besondere Veranstaltungen aufmerksam machen. Und ich überlege mir dabei, wie es mir selbst geht, wenn ich andere Plakate sehe. Die allermeisten Werbungen sehen wir schon gar nicht mehr, weil es zu viele geworden sind. Aber manchmal, wenn unsere Blicke über die Bilderwände streifen, verfängt sich unser Auge doch. Und jedes Mal, wenn ich ein Plakat näher betrachte, spielt sich in mir bewusst oder unbewusst  ein Frage-Antwort-Spiel ab. Ich werde gefragt, ob diese Veranstaltung etwas für mich wäre oder nicht. Ich überlege: Gehöre ich zu dieser Zielgruppe – oder anders gesagt: will ich dazu gehören? Und jedes Mal trifft man eine Entscheidung – manchmal sofort und manchmal nach längerem Überlegen.

Diese Überlegungen vollziehen sich nicht nur bei den Plakaten sondern natürlich auch bei anderen Einladungen, die  an uns persönlich gerichtet sind. Oft schauen wir dann auf den Terminplan oder ziehen andere Gesichtspunkte zu Rate. Aber da ist zuvor in uns immer  erst eine Art Grundstimmung: Dafür oder Dagegen. Manchmal machen wir es uns dann einfach. Wenn wir keine Lust haben, nennen wir scheinbar triftige Gründe, die uns entschuldigen. Manchmal aber räumen wir auch Hindernisse aus dem Weg, weil uns eine Einladung angesprochen hat.

Ähnlich ist es mit der Einladung  Jesu. Er spricht hier konkret eine Zielgruppe an. Er nennt sie „die Mühseligen und Beladenen“. Oder nach einer anderen Übersetzung: „Ihr, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet“.  Wenn man heutige Werbestrategen fragt, dann würden sie sagen: Jesus, du hast die Sache völlig falsch angepackt. So kommt keiner. Du musst das Positive im Menschen ansprechen.

Ich vermute, wenn wir jetzt eine Umfrage machen würden mit der Frage: Fühle ich mich bei der Einladung Jesu „als ein Mühseliger und Beladener“  angesprochen - die allermeisten würden  mit „Nein“ antworten. Meistens ist es doch so, das man sich bei so einer Frage ins Verhältnis setzt mit denen, denen es schlechter geht. Etwa nach dem Motto: Sicher - ich habe auch mein Päckchen zu tragen – aber: es geht mir gesundheitlich doch ganz gut / oder: ich habe doch Arbeit / oder: das Familienklima bei uns ist gut / oder: ich fühle mich in der Gemeinde angenommen und gebraucht. Wirklich mühselig und beladen, das sind doch die anderen, die Arbeitslosen, Kranken, Einsamen, Entwurzelten, Gestrandeten.

Geht also die Einladung Jesu an uns, die wir hier sitzen, vorbei? Oder wünschen wir es uns eher heimlich, dass sie an uns vorbeigehen möge?

Unterschiedlich ist sicher, welche Lasten wir zu tragen haben. Einige von uns kennen ihre Lasten gut und könnten sie sofort benennen.  Andere müssen erst eine Weile überlegen. Mir wurde beim Nachdenken klar, dass vieles, was ich nicht sofort als Last bezeichnen würde, doch eine Last ist.

Die zweite Frage steht dazu in einem inneren Zusammenhang.

Wozu bin ich denn eingeladen? Zunächst einmal bin ich /  sind wir eingeladen, uns selbst ernst zu nehmen. Wir sind von Jesus eingeladen, uns selbst so anzunehmen wie wir sind. Wir sind gerufen, unsere Situation, in der wir uns befinden erst einmal so zu bejahen, wie sie ist. Wir sind eingeladen, die Härte und das Joch unseres Lebens nicht zu verleugnen – aber auch die Erfolge und Höhepunkte nicht.

Dazu lädt uns Jesus ein und er verspricht, dass er uns erquicken will. Erquickung, das heißt auch Entlastung, Befreiung, Stärkung, neue Orientierung, Führung, Bewahrung.

Es ist, als ob man nach den Mühen eines heißen Sommertages den lauen Sommerabend genießen kann. 

Es ist, als ob man nach den Strapazen einer anstrengenden Wanderung ein erfrischendes Getränk gereicht bekommt. Es ist, als ob man nach harter Arbeit die Ruhe genießt. Das ist Erquickung pur.

Erquickung erlebt man aber erst wirklich nach einer Herausforderung. Wenn alles so dahinläuft und dahinplätschert, erlebt man keine Erquickung. (Man fühlt sich eher abgefüllt.) In der Erquickung entdeckt man, dass das, was vorher gelaufen ist, auch zu meinem Leben gehört. Die Herausforderungen  sind ebenso wichtig, wie der Friede und die Geborgenheit. Das, was uns im Leben Mühe und Kraft kostet, schafft Tiefgang und Bodenständigkeit.

Und vielleicht ist es gerade das, was wir da entdecken, wenn wir bei Jesus sind: Dass Er in allem mit und bei uns war. Ohne IHN hätten wir die Prüfungen nicht geschafft. Wir entdecken: Er will unser Leben führen und zum Ziel bringen. Und gerade da, wo wir unser Leben in seinen guten Händen wissen (oder immer wieder bewusst  hineinlegen), erleben wir Erquickung: sei es in den schweren Augenblicken, oder in den glücklichen Momenten, oder im tristen Alltag.

Ein kleines Erlebnis auf unserer Gemeindereise durch das alte Anatolien prägte sich mir ein.  Wir hatten die Ruinen des alten Hierapolis besucht. Hierapolis galt in der Antike als eine heilige Stadt. Am Berg strömt warmes, kalkhaltiges Wasser aus der Erde und ergießt sich über den Hang unterhalb der antiken Stadt. Für die Griechen war das Naturwunder Anlass für einen Kult, die Römer gaben sich hier ihren Badefreuden hin und die heutigen Touristen werden von weit her angefahren, um das UNESKO-Kulturerbe zu erleben.

Heute noch fließt das kalkhaltige Wasser den Hang hinab. Von weitem sieht der Berg wie eine Winterlandschaft aus. Nachdem wir unser Fußbad in den Kalksinterterrassen von Pamukkale genommen hatten, machte uns ein kleiner türkischer Junge auf etwas auf dem Boden aufmerksam. Es sah von weitem aus wie eine Schlange. Bei genauerem Hinsehen entpuppte sich die Schlage jedoch als ein Zug von Raupen.

Wir erkundigten uns später bei unserem Reiseleiter und erfuhren, dass es sich um die Prozessionsraupe  handelt. Ihren Namen verdanken die Prozessionsraupen ihrer Angewohnheit,  ihre Nester gemeinsam zu verlassen, um auf Nahrungssuche zu gehen. Dabei halten sie eine strenge Marschordnung ein, wobei eine Raupe immer hinter der anderen kriecht und sich nur durch ihren Tastsinn zur Vorgängerin zurechtfindet.

Dem französischen Naturforscher Jean Faber gelang es, eine Gruppe von Raupen an den Rand eines Blumentopfes zu locken und einen vollständigen Kreis zu bilden. Die Raupenkette setzte sich in einer Prozession in Bewegung, ohne Anfang und ohne Ende. Der Naturforscher erwartete, dass die Raupen nach einiger Zeit mitbekommen, dass sie immer nur im Kreis gehen.  Aber das war nicht der Fall. Sieben Tage und sieben Nächte lang liefen sie im Kreis, bis sie des Hungers starben. Ironischerweise war ausreichend Nahrung gut sichtbar innerhalb des Kreises vorhanden. Dennoch folgten sie blindlings den vorgezeigten Weg der Gewohnheit, Sitte, Tradition... Könnte uns das nicht zu denken geben? Gewohnheit, Sitte, Tradition sind nicht alles im Leben. Wir brauchen eine Person, die uns den Weg zum ewigen Leben führt.

Jesus ruft uns zu sich. Wir sind eingeladen IHM zu folgen.

Die dritte Frage: Wer ist es eigentlich, der mich einlädt?

Dazu kommt mir noch ein Erlebnis in den Sinn. Wir waren in einem Park spazieren. Es war Frühling. Überall grünte und blühte es. Viele Menschen  hatten es sich nicht nehmen lassen, an die frische Luft zu gehen. Überall auf den Rasenflächen saßen Menschen und unterhielten sich. Straßenverkäufer waren unterwegs. Die Wege im Park waren voller Fußgänger.

Uns fiel ein kleiner Junge auf, der unbeschwert und fröhlich über die Wiese hüpfte. Mal spielte er mit anderen Kindern – dann lief er weiter, warf sich zu Boden, stand wieder  und lief weiter. Er freute sich am Leben, wie man das als Kind nicht besser zum Ausdruck bringen kann.

Ein paar Minuten später sahen und hörten wir eine junge Frau durch den Park laufen und einen Namen rufen. Sie war ängstlich und verstört. Wieder etwas später erlebten wir es mit, dass beide Dinge, die wir nur nebenbei registriert hatten, zusammengehörten. Wir sahen die junge Frau an einer Kreuzung auf dem Boden knien und ihren Jungen  in den Armen halten. Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie machte den Jungen keine Vorwürfe sondern hielt ihn fest und streichelte ihn. Dem Jungen war es gar nicht aufgefallen, dass er gesucht wurde.

Das Neue Testament beschreibt uns so Gott. Gott ist wie ein Vater, der uns Menschen sucht. Er ist in seinem Sohn über die Erde gelaufen um uns zu suchen, um uns zu rufen und uns einzuladen. Gott hat keine Suchtrupps ausgeschickt. Er ist selbst gekommen, um bei den Menschen zu sein.

Und er ist dorthin gegangen, wo unsere Not am größten und unsere Nacht am dunkelsten ist. Das Kreuz von Golgatha, an dem Jesus hing und starb, ist die größte Einladung Gottes auf Erden. Es ist als ob Gott selbst mit weit ausgebreiteten Armen auf uns wartet und sagt: Kommt, bringt eure Last. Legt sie bei mir ab. Ich habe sie für dich getragen. Du sollst leben. Ich habe für dich ein Leben, das den Tod nicht mehr vor sich sondern hinter sich hat. Komm! Komm du selbst!

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“   - sagt Jesus. Ich für meine Person finde den, der mich hier einlädt seriös. Ich folge dieser Einladung als ein groß gewordenes Kind  - als ein Kind  Gottes, das in den Armen des Sohnes Gottes geborgen ist. Und gerne gebe ich diese Einladung weiter.

Jesus sagt: „Komm her zu mir, der du mühselig und beladen bist. Ich will dich erquicken.“  

 

Amen

 

 

 

 

 




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