Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsen
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Freitag, 4.März


Unser Tag begann an der Knesseth. Wir erlebten live einen Staatsbesuch mit. Das Dröhnen eines ankommenden Militärhubschraubers und die zwei Staatslimousinen machten uns neugierig, als wir aus dem Bus ausstiegen. Es störte niemand, das wir unsere Fotoapparate zückten und  den Staatsbesuch aus Kenia ablichteten. Dann gingen wir zur Menora neben der Knesseth. Anna erklärte uns das Kunstwerk von Benno Elkan. Wir ließen biblische und jüdische Geschichte an uns Revue passieren. Für das Pilgerdiplom, das wir am Ende der Reise erhalten sollten, mussten wir Fragen zur biblischen Geschichte und zu Informationen, die wir im Laufe der Reise gehört hatten, beantworten. Wir schnitten nicht schlecht ab.  Natürlich mussten wir vor der Menorah noch ein Gruppenfoto machen. Unser nächster Besuch galt der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem. Yad Vashem  heißt übersetzt „Denkmal und Name“. Die Idee, die hinter diesem Namen steht, geht auf  Jesaja 56,5 zurück: „Ihnen allen errichte ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal, ich gebe ihnen einen Namen, der mehr wert ist als Söhne und Töchter: Einen ewigen Namen gebe ich ihnen, der niemals getilgt wird.“  Hier in Yad Vashem wird der 6 Millionen Juden, ihres Leides und ihrer Schicksale während der Hitlerzeit gedacht. Es ist nicht leicht, als Deutscher durch Yad Vashem zu gehen, dennoch muss man sich dem einfach aussetzen. Die erste emotionale Hürde war die Gedenkstätte für die 1,5 Millionen ermordeten jüdischen Kinder. Man läuft durch einen dunklen Raum, der nur von einigen Kerzen erhellt wird. Das Licht dieser Kerzen wird jedoch durch Spiegel vervielfältigt, sodass man durch ein Meer von Lichtpunkten schreitet. Während man durch das Lichtermeer geht, hört man die Namen, das Alter und den Geburtsort der ermordeten Kinder.  Das Band mit allen Namen läuft 14 Tage. Tiefbewegt und sprachlos steht man am Ende wieder im Freien.  Es ist unmöglich, bei einem Halbtagsbesuch alles in Jad Vashem zu besichtigen. Ich habe mich diesmal auf die Filme, die in meiner Muttersprache liefen, konzentriert. Als ich mir den Film über Adolf Hitler anschaute, stellte ich fest, dass ich hier wohl einer der wenigen bin, der diesen Film im Originalton hört – und ich fühlte mich dabei seltsam fremd zu mir selbst. Längere Zeit verbrachte ich auch vor einem Film, in dem Reich Ranitzki interviewt wurde. Schade finde ich, dass die ausgezeichnete Wandskulptur von Naftali Bezem in der neuen Ausstellung etwas an den Rand gerückt ist. Ich fotografierte sie zum Schluss ausführlich.

Ein fürstliches Mittagessen nahmen wir im Kibbutz Ramat Rachel ein. Uns war nicht bewusst, dass wir uns hier auf historischen Boden bewegten.  Archäologen identifizierten  Ramat Rachel mit dem biblischen Ort Bet ha-Kerem (Jer 6,1). Der Kibbuz Ramat Rachel (dt. Rachels Anhöhe) bekam  wegen seiner  Nähe zum Grab Rachels  (Genesis 35,19) seinen Namen. Einst befanden sich hier die königlichen Gärten, in denen  die Könige Israels seit der Davidzeit Abwechslung, Entspannung und Erholung suchten. [1]

Nach dem Mittag fuhren wir zur Himmelfahrtskirche  auf dem Ölberg. Hier unterhält die Evangelische Gemeinde deutscher Sprache das Begegnungszentrum der Kaiserin Auguste Victoria-Stiftung. Wir hatten in der Kirche eine Begegnung mit Pfarrer Wohlrab. Er erzählte uns von seiner Arbeit und von seinen Erfahrungen im Heiligen Land. Bei dem, was er erzählte, fühlte ich mich an das erinnert, was der deutsche Journalist Ulrich Sahm in seinem Buch „Alltag im Gelobten Land“ schrieb.[2]   Natürlich scheuten die meisten unserer Gruppe nicht die vielen Stufen des Kirchturms. Von oben hat man einen herrlichen Blick auf Jerusalem. Man schaut in die Wüste Judäas und kann sogar bis zum Toten Meer und nach Jordanien blicken. 

Es war Nachmittag geworden. Die Altstadt Jerusalems immer vor Augen wanderten wir vom Ölberg hinab ins Kidrontal. An der kleinen aber schönen Kirche von Barluzzi hielten wir unsere Andacht. Die Kirche trägt den Namen Dominus Flevit. Augenfällig ist die Tränenform der Kuppel. Von hier aus soll Jesus weinend (Lukas 19, 41-44) auf Jerusalem geschaut haben. Vom Kidrontal aus fuhr unser Bus zurück ins Hotel.

Einige aus unserer Gruppe stiegen am Zionstor aus, um noch einmal in die Altstadt zu gehen. Ich wollte als erstes die armenische Kirche besuchen.[3]  Leider war sie geschlossen. Wir gingen vom armenischen Viertel aus zur Klagemauer. Es war Freitagabend, der Beginn des Sabbats.  Was wir an der Klagemauer[4] erlebten, war überwältigend. Vor allem viele junge Leute füllten den Platz vor der Klagemauer, tanzten, sangen und beteten.  Wir mischten uns unter das Volk und freuten uns mit. Der Weg von der Altstadt bis zum Hotel Caesar ist per pedes in etwa einer dreiviertel Stunde zurückzulegen. Wenn wir das nächste Mal in Jerusalem sind, können wir die Straßenbahn benutzen.  Das Schienennetz ist fertiggestellt und man sieht schon ab und an eine Bahn fahren. Aber das Ganze ist noch in der Probephase. Ab Sommer 2011 wird es soweit sein, dass sich die Jerusalemer Autofahrer auf die Straßenbahn einstellen müssen. Für die Fahrgäste wird sie eine große Entlastung  darstellen.

 

 


[1] zu den Ausgrabungen der Heidelberger Uni siehe: http://www.theologie.uni-heidelberg.de/forschung/ramatrahel.html

 

[2]     Ulrich W. Sahm; Alltag im Gelobten Land; Vandenhoeck & Ruprecht; Göttingen 2010 S.11 Der Mensch besteht aus zwei Teilen. Dem, was er ist, und dem, was er daraus macht. Niemand kann sich seine Eltern auswählen, den Ort, wo er geboren ist, seine Muttersprache, die Kultur und Umgebung, in der er aufwächst. Was er daraus macht, welche Lehren er aus den Vorgaben zieht, und sogar, wie er auf Schicksalsschläge reagiert und wie er sich sein Leben einrichtet, steht voll in seiner eigenen Verantwortung.

      Mein Leben hat seit 40 Jahren in Jerusalem seinen Mittelpunkt. Auch nach so vielen Jahren habe ich mich nicht an die Wucht der Geschichte dieser Stadt gewöhnt. Die Vielfalt der Menschen, Kulturen, Sitten und Religionen faszinieren täglich aufs Neue. Viele Menschen sehen in Jerusalem den Mittelpunkt der Erde. Ich verspüre die Anziehungskraft dieser Stadt, genieße es, von einem Jahrhundert ins andere zu wandern, indem ich nur die Straßenseite wechsle. Und gleichzeitig bleibt man ein Fremder in dieser Stadt. Denn jeder Bürger Jerusalems, Jude, Armenier, Grieche, Moslem oder Christ, lebt in einer anderen und mir letztlich fremden Welt.

      Zu dieser »fremden« Welt gehört auch der Nahostkonflikt mit Jerusalem in seinem Epizentrum und seismischen Wellen in aller Welt. Als Deutscher und journalistischer Beobachter genieße ich es, nicht Partei ergreifen zu müssen und jederzeit die Fronten überschreiten zu können.

 

[3]     Die Armenische Kirche ist nach der Tradition der Ort, an dem Jakobus der Ältere auf Befehl Herodes Agrippa I. im Jahr 44. n.Chr. hingerichtet wurde (Apg 12,2).

 

[4]     Hans Habe; Wie ein David; München Berlin 1982 S. 156 Jahrhundertelang hat die geduldige Mauer dem Kummer der Juden gelauscht, ihren traurigen Geheimnissen, die Juden haben sie angeschrien oder angeflüstert, ihre grausamen Verluste haben sie ihr anvertraut, die Klage über ein verlorenes Kind oder ein geschlagenes Heer, über das Blut, das nebenan floss, in den Straßen Jerusalems, oder über das Gas, das sich in der Ferne ausbreitete, ihren ganzen Jammer über die gebrochenen Versprechen, die unerfüllten Verheißungen, die Verluste von gestern und heute und immer. Sollten sie vor diesem gigantischen Beichtstuhl aus Stein nicht auch ihre eigene Schuld beklagt haben, ihre Schwäche und Zerrissenheit und Flucht und Härte? Juden, die auszogen aus dem Heiligen Land, pflegten vor ihrer Abreise an der Mauer zu beten und in eine der Spalten einen Nagel zu stecken, um zu bekunden, dass sie festgenagelt seien an das Land des göttlichen Wortes; noch heute stecken Juden Zettelchen mit ihren Bitten zwischen die Quadersteine, Glauben und Aberglauben, und ein Wunder nur, dass die Mauer alle Klagen verschlungen hat und nicht zusammenbrach unter ihrer Last, dass sie alle Klagen aufgenommen hat und nicht, Klage über Klage häufend, in den Himmel gewachsen ist; aus Stein muss das Ohr Gottes sein, es hätte sich sonst längst geschlossen.

 

 




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